Leben in Jerusalem

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Jerusalem: Vom Kikar HaMusika (Music Square) zum Kikar Zion (Zion Square)

B“H
Nach der Arbeit war ich heute in der Innenstadt und auf dem Machane Yehudah Markt. Da nutzte ich gleich die Gelegenheit, einmal Jerusalems „neue“ Attraktion, den Kikar HaMusika anzuschauen und zu filmen.
So neu ist der Platz nun auch nicht mehr, denn er wurde bereits vor zwei Jahren gebaut. Bürgermeister Nir Barkat wollte eine neue Attraktion, um Touristen und junge Einheimische anzulocken. Barkats großer Traum ist es, Jerusalem in ein zweites Tel Aviv zu verwandeln, was ihm jedoch nie gelingen wird.
Ein reicher französischer Jude fand sich als Investor und so entstand auf einem Hinterhof in der Innenstadt ein Platz mit vielen Restaurants und allabendlicher Live Music. Die Restaurants sehen nicht gerade billig aus und ich kann mir kaum vorstellen, dass Backpacker dort abhängen, aber naja …
Wer sich für den Kikar HaMusika interessiert: Der Zugang erfolgt von der Hillel Street 27 über eine kleine Gasse. Oder von der Yoel Solomon (neben dem Kikar Zion – Zion Square).
Nach dem „Musikplatz“ ging ich die Yoel Solomon bis zum Zion Square hinauf. Bis vor mehreren Jahrzehnten war der Square grün bepflanzt und eines der Prunkstücke der Stadt. Selbst eine Straßenbahn fuhr damals die angrenzende Fußgängerzone Ben Yehudah noch rauf und runter.
Heute ist der Kikar Zion nur ein öder Platz. Selbst das Rondell, auf dem man sitzen konnte, wurde vor Jahren demontiert. Begründung: Nur die Junkies versammeln sich dort.
An der Jaffa Road gelegen verlaufen die Wege vom Zion Square in mehrere Richtungen. Touristen kennen das und sie gehen von dort aus die Ben Yehudah hinauf. Eine Fußgängerzone, deren Läden meistens von Touristen besucht werden. Einheimische zieht es dort nicht unbedingt hin und man kauft woanders ein. Nämlich in den riesigen Malls in den Stadtteilen Talpiyot, Pisgat Ze’ev oder Malcha.

 

Selbst das neuerbaute Kaufhaus Hamaschbir am Zion Square fährt Verluste ein. Zu teuer und Israelis legen keinen Wert auf Kaufhäuser. Beim HaMaschbir denkt man mittlerweile darüber nach, Ladenflächen zu vermieten und sich selbst zu verkleinern.
Jerusalem hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten drastisch verändert. An erster Stelle stehen neue Luxusbauten. Wohntürme mit Luxusapartments, die sich Otto Normalverbraucher nicht leisten kann. Nicht alle Wohnungen sind verkauft oder vermietet und so herrscht in einigen Wohnblocks der Innenstadt gähnende Leere.
Der Bürgermeister setzt auch weiterhin auf Luxus, aber vielleicht findet Jerusalem zu seiner alten einzigartigen Form zurück, sobald Nir Barkat in der Knesset sitzt. Bei den nächsten Wahlen will er nämlich in die ganz große Politik einsteigen mit dem Ziel, Premierminister zu werden.
Hoffentlich werden wir davor bewahrt, denn in Jerusalem war er nicht besonders erfolgreich. Weniger Betuchten werden die Sozialwohnungen weggenommen und in Luxusapartments umgewandelt. Wie demnächst in der HaNurit Street im Stadtteil Kiryat Menachem. Mehrere Hundert Billigwohnungen sollen verschwinden. Die Frage ist nur, ob die Bewohner eine neue Bleibe finden.
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Arnona, Hora’at Kewa und die palästinensische Gesellschaft

B“H
Zwischen dem Leben in Israel und dem in Deutschland bestehen gravierende Unterschiede. Ein riesiger Unterschied sind, u.a., die im Dezember / Januar eines jeden Jahres ausgehenden Arnona – Bescheide der Stadtverwaltungen an jeden einzelnen Bürger mit festem Wohnsitz.
In Deutschland gleicht die israelische Arnona der Grundsteuer. Auch die deutschen Verwaltungen schicken zu Beginn des Jahres Grundsteuerbescheide an Wohnungs – und Hauseigentümer. Der Unterschied zu Israel besteht darin, dass die Arnona (Grundsteuer / Müllabfuhr) allein der MIETER zu tragen hat. In Deutschland erhält nur der EIGENTÜMER einen solchen Bescheid.
Die Arnona für das jeweilige Jahr kann auf zwei Arten gezahlt werden:
Entweder auf einmal in Cash oder per Kreditkarte.
Oder man reicht ein sogenanntes Hora’at Kewa (Lastschrifteinzug bei der Bank) ein. Die Stadt Jerusalem, z.B., bucht dann jeden zweiten Monat Geld vom Girokonto ab.
Damit kommen wir schon zum nächsten Unterschied zwischen Deutschland und Israel: In Deutschland ist jeder selber für ein automatisches Abbuchungsverfahren zuständig. In Israel aber muss man erst zu seiner Bank und eine Erlaubnis für einen Lastschrifteinzug einholen.
Die Arnona ist nicht in jeder Kommune gleich hoch und dazu noch von Stadtteil zu Stadtteil unterschiedlich. Im einen Stadtteil ist die Grundsteuer günstiger, im anderen Stadtteil zahlt man für dieselbe Quadratmeteranzahl der Bleibe mehr.
Wer das Hora’at Kewa von seiner Bank in schriftlicher Form bekommt, muss damit zur Stadtverwaltung traben und den Lastschrifteinzug regeln. Das wollte ich heute Nachmittag tun, doch das Jerusalemer Rathaus war rappelvoll. Überall Menschenmengen, die wegen ihrer Arnona gekommen waren.
In Israel ist das Nummerziehen äußerst beliebt, denn sonst würde absolutes Chaos herrschen. So geht bei der Post, bei der Bank oder auf Ämter wenigstens ansatzweise alles der Reihe nach. Dafür prügelte sich heute im Rathaus eine Gruppe Palästinenser vor dem Automaten, der die Nummern auswirft. Jeder von denen wollte wohl zuerst auf den Knopf drücken und so wurde aufeinander eingedroschen. Das Security Personal dachte sich offenbar: „Lass mal die Palästinenser prügeln“ und Israelis standen weiter entfernt und filmten die Szenen mit dem Smartphone.
Jedenfalls meinte die Tussi an der Rezeption zu mir, ich solle an einem anderen Tag morgens wiederkommen. Am Morgen sei es im Rathaus ruhiger. Bedeutet, ich muss mir von der Arbeit morgens freinehmen. Und das alles nur, weil irgendwelche Palis des Abends im Rathaus ausrasten und sich eine Massenschlägerei liefern.

Stinkender Müll

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Photo: Miriam Woelke

B“H
Seid zwei Tagen versinkt Jerusalem im Müll. Die Mülltonnen quillen über und besonders schlimm ist es am Machane Yehudah Markt, wo Fußgänger geradezu im Müll herumwaten.
Touristen sind wahrscheinlich geschockt, wenn sie die Heilige Stadt so vermüllt vorfinden, aber der Grund dafür ist ganz simpel: Die Stadtverwaltung streikt seit gestern, denn man will mehr Geld vom Finanzministerium. Und solange kein Cash fließt, wird gestreikt.
Ob der Streik morgen fortgesetzt wird, weiß ich nicht. Gestern und heute jedenfalls blieb das Rathaus geschlossen und die Müllabfuhr war genauso untätig.

Die Jerusalemer Stadtverwaltung sucht Investoren

B“H 
In der vergangenen Woche ergab es sich, dass ich mich einige Zeit mit einem Mitglied des Jerusalemer Stadtrates unterhalten konnte. Er berichtete mir von der desolaten Lage des städtischen Haushalts und dass man sich entschlossen habe, ausländische Investoren anzulocken. Große internationale Konzerne, die Arbeitsplätze schaffen, denn letztere sind Mangelware in unserer Stadt. 
Neidisch schiele man auf Tel Aviv oder aktuell auf die Stadt Netanya, deren Bürgermeisterin große Erfolge verbuche. Jobs, Steuern sprudeln ins Stadtsäckel und überhaupt. Das könne Jerusalem doch auch oder vielleicht nicht? 
Was denn die Stadt den Unternehmen biete, fragte ich. 
„Hm, Steuerermäßigungen. Allerdings nur bei der Arnona (Grundsteuer). Alles andere werde man halt sehen.“ 
In der Tat existieren in Jerusalem zwei riesige Problemzonen: 1. Das fehlende Geld im Haushalt und 2. die katastrophale Verkehrs – bzw. Parksituation. Die Mehrheit der Bewohner meide Einkäufe in der Innenstadt, denn Parkplätze sind kaum vorhanden. Da ziehe man die Shopping Malls mit eigenem Parkhaus vor. 
In der letzten Zeit legte die Anzahl der Startups in der Stadt kräftig zu. Darunter eine Menge Startups gegründet von Haredim (Ultra – orthodoxen Juden). 
Meiner Meinung nach bedarf es keiner chinesischen oder sonstigen ausländischen Investoren. Jerusalem müsste dagegen sein eigenes vorhandes Potenzial nutzen, tut dies jedoch nicht. Was wir brauchen, sind kreative Leute, die etwas Neues starten und nicht nur eine neue Falafelbude aufmachen.
Die Touristenindustrie ist zu anfällig, denn immer wenn es nach Terrorgefahr riecht, bleiben die Touristen weg. Allein deswegen muss die Stadt nach neuen Geschäftsideen suchen. Die heimische Werbebranche viel mehr in die Hauptstadt zu locken, würde schon helfen. Marketing und PR Unternehmen, die bis dato fast ausschließlich im Küstenbereich angesiedelt sind. 
Die Werbebranche allein macht den Haushalt nicht wieder fit, doch Arbeitsplätze sollten vorzugsweise von einheimischen Unternehmen erschaffen werden. Von Leuten, denen die Stadt etwas bedeutet und sie nicht nur als Investitionsobjekt ausschlachten.

Die Müllabfuhr ist wieder aktiv

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Photo: Miriam Woelke

 

B“H
Nach einem mehrtägigen Streik der Jerusalemer Müllabfuhr wird wieder gearbeitet und endlich saubergemacht. Bis gestern stapelte sich der Müll bis sonstwohin wie hier in der Agrippas / Eliash Street in Downtown.

Jerusalem und seine Probleme

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Photo: Miriam Woelke

 

 

Die Agrippas Street in Downtown Jerusalem am Machane Yehudah Markt
B“H
Neben dem ständigen palästinensischen Terror plagen die Stadtverwaltung Jerusalem noch ganz andere Probleme. Das leere Stadtsäckel, zum Beispiel, denn der Bau der Straßenbahn verschlang Unsummen. Zwar erfreut sich die Straßenbahn erheblicher Beliebtheit, doch die vielen Millionen Steuergelder müssen erst einmal wieder reinkommen.
Der Wohnungsmarkt liegt darnieder und wer erschwingliche Bleiben sucht, der muss suchen wie blöd. Dass, was einigermaßen gefällt, läuft fast nur noch über Makler. Inzwischen sind wir soweit, dass selbst Kellerlöcher ohne Fenster für Tausende Schekel vermietet werden. Oft sind gerade Studenten gezwungenermaßen bereit, derlei Kellerlöcher zu bewohnen. Wer an ein Budget gebunden ist, erhält kaum mehr eine gute Wohnung, sondern muss sich halt mit dem was da ist zufriedengeben.
Ein weiteres Problem ist die angespannte Arbeitsmarktsituation. Hier hat Jerusalem gegenüber Tel Aviv, Rishon LeZion, Netanya, Herzliya, Petach Tikwah oder Hod Hasharon, definitiv einen Nachteil. Obwohl es zwei Technology Parks gibt, hinkt Jerusalem der Küste ziemlich hinterher. Nicht nur wegen fehlender Arbeitsplätze, sondern auch bei der Höhe der Gehälter. An der Küste wird wesentlich mehr verdient, dafür aber sind die Lebenshaltungskosten noch höher als in der Hauptstadt. Auf der einen Seite wird gut verdient und auf der anderen Seite geht das Geld für Miete, Rechnungen und ein paar Lebensmittel gleich wieder drauf. 🙂
Zwar propagandiert die Jerusalemer Stadtverwaltung immer wieder neu, dass in der Hauptstadt mehr Arbeitsplätze entstehen-jedoch ist die Frage: Wo bzw. in welcher Branche?
Startups gibt es auch in Jerusalem und oft werden sie von Neueinwanderern gegründet. Aus der Not heraus, sozusagen, wenn man keinen anderen Job gefunden hat. So, zum Beispiel, traf eine Freundin von mir bei ihrer Wohnungssuche auf eine Vielzahl von Maklern, die aus Russland oder Frankreich eingewandert sind. All diese Makler gaben zu, keinen anderen Job gefunden zu haben und so seien sie halt Makler geworden. Mehr oder weniger erfolgreich. Meist weniger und der Wohnungsmarkt sei heiß umkämpft. Wenn selbst Hightech Firmen an der Küste Israelis kündigen, weil sie mit 32-35 Jahren als zu alt und verbraucht gelten, kann man sich vorstellen, was erst in Jerusalem los ist. Nämlich nicht viel und man darf nicht wählerisch sein. In Geschäften wird häufig die Putzfrau eingespart und die Verkäuferinnen sind angehalten, kleinere Läden vor dem Feierabend selber zu wischen.
Ein weiteres Jerusalem Problem ist der chronische Parkplatzmangel in der Innenstadt. Gerade wurden erst wieder zwei große Parkplätze plattgemacht, denn es entstehen Neubauten. Am Gerard Behar Center sowie an der Eliash Street, wo überflüssige Luxuswohnungen in Form eines Pyramidengebäudes entstehen.
Keine Parkplätze bedeutet keine Kundschaft für die Geschäfte. Da fahren die Leute lieber in die großen Malls am Stadtrand, wo es Tiefgaragen und kostenloses Parken gibt. Wozu sich da noch in die Innenstadt quetschen und Cash in für die Parkuhr verschwenden?
Für all diese Probleme stehen keine Lösungen bereit und Bürgermeister Nir Barkat will eh hinschmeissen und in die hohe Politik der Knesset abwandern. Dabei ist Barkat noch blasser als Olmert und erinnert an einen langweiligen Buchhalter.
Kurz gesagt, der Bürger findet sich allein im Nirgendwo wieder und muss sich durchwursteln. 🙂

Wo genau in Jerusalem eine Pyramide entsteht

B“H
Neulich erst berichtete ich, dass Jerusalems Bürgermeister ein neues Wahrzeichen für die Stadt will. Mehr Touristen sollen angelockt werden, damit diese dann alle staunend vor dem Wahrzeichen stehen und auch schön ihr Geld unter die Leute bringen. Und bei diesem Wahrzeichen handelt es sich ausgerechnet um eine Pyramide ! Als ob Jerusalem nichts anderes zu bieten hat. Wer unbedingt eine Pyramide sehen will, der reist an den Nil und nicht nach Israel. Zumal die Pyramide ausschliesslich für besser Betuchte sein wird. Luxusapartments, Luxushotel und alles andere auch Luxus. Otto Normalverbraucher darf sich lediglich alles von außen betrachten.
Gestern machte ich an der Baustelle ein paar Bilder. Es zeigt den unteren Teil der Agrippas Stadt (nahe der King George), welche hier in die Eliash Street übergeht.

 

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Photo: Miriam Woelke

 

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Photo: Miriam Woelke
Der einstige Parkplatz existiert nicht mehr und das Gebiet ist eingezäunt. Die Bauarbeiten haben bereits begonnen.

 

Bleibt nur die Hoffnung, dass die Luxuxpyramide nicht den Charakter dieses alten tollen Stadtteiles zerstört. Die Leute, die hier wohnen, haben alle nicht besonders viel Geld und steigende Mieten könnte niemand zahlen. Und wer braucht in Jerusalem eine Pyramide oder herrscht bei Nir Barkat Ausverkaufsstimmung ?