Leben in Jerusalem

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Findet das Nachtleben am Jerusalemer Machane Yehudah Markt ein baldiges Ende?

B“H

 

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Photo: Miriam Woelke

 

Nicht nur tagsüber gehört der Jerusalemer Machane Yehudah Markt zu den Attraktionen der Stadt. Man muss ihn mal gesehen haben und der Jerusalemer selber betrachtet den Markt als ein absolutes Original. Ein Tourist dagegen hat vielleicht eher das Gefühl, ein Wirrwarr des Nahen Ostens zu sehen. Chaotisch, laut und nicht immer ganz so sauber wie man dies, z.B., aus Westeuropa gewohnt ist. Dafür ist auf dem Markt alles frisch, es gibt Falafel mit gutem Humus und keine Humus – Imitation wie in Europa.
Innerhalb der letzten zehn Jahre hat sich der Machane Yehudah stark verändert und das nicht immer zu seinem Vorteil. Als die Familie Mizrachi vor circa zehn Jahren das erste richtige Cafe eröffnete, gaben all die anderen Geschäftsinhaber dem neuen Unternehmen keine Chance. Die Leute kommen zum Markt, um Obst, Fleisch, Fisch oder Gemüse zu kaufen und nicht um sich hinzuhocken und Kaffee zu trinken. Die Mizrachis aber hatten Erfolg.
Dabei war es in dem Cafe recht gemütlich, nur das Publikum bestand aus Leuten, die nicht unbedingt in die Marktatmosphäre passten. Man gab sich intellektuell und war schon fortgeschritteneren Alters. Immerhin war es bei Mizrachi auch nicht ganz billig.

 

 

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Photo: Miriam Woelke

 

Ein paar Jahre später folgten weitere Cafes, Fish & Chips, Basta Pasta, Burger Bar (Hambuger) und viele andere. Hinzu kamen immer mehr Bars und spezielle Restaurants. Anfangs war das gar nicht schlecht, doch irgendwann fiel auf, dass die Obst – und Gemüseleute ins Abseits gerieten oder gar ganz aufgaben. Daran aber war nicht die neu eingezogene Gastronomie allein schuld, denn die Jerusalemer fuhren lieber zu den Discounter einkaufen. Der Schuk (Markt) war ganz einfach zu teuer geworden.
Mittlerweile ist der Machane Yehudah teuer und die Obst – und Gemüsestände werden langsam weniger. Stattdessen finden sich Snackbars oder Smartphone Anbieter. Sobald es dunkel wird, machen die neu eingerichteten Bars auf. Nicht alle Bars befinden sich in richtigen vier Wänden. Viele Leute stellen einfach nur illegal ein paar Bänke auf, rollen Alkohol an und machen auf Bar. Dazu Live – Music.
Seit ein paar Jahren wurde so der Machane Yehudah Markt zum absoluten Anlaufpunkt des Nightlife. Die Szene wechselt ständig und mal ist die Heleni HaMalka Street mit ihren Bars total IN, dann wieder die Koresh Street, dann der Alte Bahnhof und dann eben mal der Machane Yehudah Markt.

 

 

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Photo: Miriam Woelke

Zu Beginn war alles super, aber wie das so ist – wenn etwas einmal bekannt und populär geworden ist, ziehen auch die dunklen Gestalten ein. Mittlerweile ist das Nachtleben auf dem Machane Yehudah zu einer Farce für die umliegenden Bewohner geworden. Der chassidische Knessetabgeordnete Yaakov Litzmann fordert das Ende des Nachtlebens auf dem Machane Yehudah.
Die Leute hören nur LITZMANN und denken sofort, dass die Haredim (Ultra – Orthodoxen Juden) wieder an allem schuld sind und jede Attraktion ausschalten wollen und genau das stimmt nicht. Viele viele Bewohner des Stadtteiles Nachlaot wollen dem Nachttreiben ein Ende bereiten und man rede ständig mit der Stadtverwaltung und Bürgermeister Nir Barkat. Letzterer aber unternimmt nichts, denn er sieht das Nightlife auf dem Markt als Attraktion der Stadt und sowas muss aufrecht erhalten bleiben. Da spielt es dann auch keine Rolle, dass die meisten der Bars illegal sind und keinerlei Steuern oder sonstige Abgaben zahlen.
Barkat tritt noch in diesem Jahr als Bürgermeister ab, denn er will in die Knesset ziehen. Im Oktober wählt Jerusalem einen neuen Stadtrat und einen neuen Bürgermeister. Nir Barkat ist in Jerusalem gescheitert und die Stadt wird ihm keine Träne nachweinen.
Die Stadträte zeigen, im Gegensatz zu Barkat, Verständnis für die genervten Anwohner des Marktes. Man machte sich eines Nachts sogar selber auf, um das Treiben live zu begutachten und war geschockt. Das Nachtleben auf dem Markt ist außer Kontrolle geraten. Drogen werden offen verkauft und die Prostitution blüht. Die illegalen Bars haben keine Toiletten und so kackt die Kundschaft in die umliegenden Treppenhäuser der Wohnhäuser. Alles wird vollgekotzt und vollgekackt und Besoffene gröhlen die Nacht durch und liegen in den Hauseingängen. Niemand ist da, der kontrolliert und der Markt gleicht in der Nacht einem Tollhaus im so ruhigen Nachlaot. Die Bewohner haben die Schnauze gestrichen voll und die Drogen sollen endlich verschwinden.
Und so hofft man, dass ein neugewählter Bürgermeister endlich etwas unternimmt.
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Jerusalem: „Wirbel um die geplante Straßenbahn in der Emek Refa’im Street“

B“H
Wem die Emek Refa’im Street in der German Colony (zwischen den Stadtteilen Old Katamon und Baka) ein Begriff ist, kann sich gut vorstellen, welche Konsequenzen eine neue Jerusalemer Straßenbahnlinie gerade in dieser historischen Gegend hätte.
Wer noch niemals in Jerusalem war oder wer schon einmal in der Stadt war, aber nicht in der German Colony … dem muss ich die Bedeutung der Emek Refa’im versuchen zu beschreiben.
Die German Colony von Jerusalem befindet sich parallel zur Derech Beit Lechem Street, der Hauptstraße des Stadtteiles Baka. Nicht allzu weit entfernt vom Alten Jerusalem Bahnhof, der seit ein paar Jahren als Kulturzentrum dient. Mit Cafes, Restaurants und diversen Veranstaltungen. Darunter auch einmal im Jahr die Hebrew Book Week (Shavua HaSefer).
Erbaut wurde die German Colony einst von deutschen Templar – Christen. Nicht nur in Jerusalem lebten Templar, sondern auch in Tel Aviv und in Tiberias am See Genezareth (Kinneret). Die britische Besatzung vom damaligen Palästina duldete die Templar wohl oder übel. Die Templar waren euphorische Nazi – Anhänger und in den 30er Jahren wehte über der Jerusalemer German Colony eine Hakenkreuzflagge. Als der Zweite Weltkrieg begann, schmissen die Briten alle Templar aus dem Land, denn diese wurden als Hitler – Fans zu Feinden der Alliierten.
Die Templar verschwanden, doch ihre alten Steinhäuser blieben und die sind es, welche der German Colony einen besonderen Charme geben. Richtig romantisch, kleinbürgerlich mit gemütlicher Dorfatmosphäre.
Die Hauptstraße der German Colony ist die Emek Refa’im Street mit ihren Cafes, Restaurants und kleinen Läden. Vor ein paar Jahren galt die Umgebung als DAS angesagte Viertel und alle wollten dort wohnen. Vor allem junge neu eingewanderte amerikanische Juden und aus diesem Grund ist die Umgebung nach wie vor amerikanisch behaftet. Zusammen mit dem benachbarten Baka und Old Katamon. Man spricht viel Englisch, aber genauso Hebräisch.
Die Stadtteile gelten heute als sehr teuer und man muss sich das Wohnen dort schon leisten können. Obwohl die Rami Levi und Osher Ad Discounter nicht weit entfernt sind, die German Colony sowie alles andere drumherum (einschließlich meinem Stadtteil Abu Tur) gelten als gut betucht. Nicht jeder, der dort lebt hat Geld, aber allgemein wohnt dort die besser gestellte Mittelschicht.
Bis vor ein paar Jahren galt die Emek Refa’im als Treffpunkt für junge Leute mit etwas Geld in der Tasche. Wer in einem der Cafes hockte, sah sich selbst als „etwas besseres“. Nicht unbedingt „besser“, aber man fühlte sich zumindest so. Sehen und gesehen werden – so das Motto, was nicht immer stimmen muss. 🙂
Doch in Jerusalem wechseln die Orte an denen man sich IN fühlt. Vor 20 Jahren noch zog es alle zum Russian Compound in die Innenstadt. Dann zog man weiter in die benachbarte Heleni HaMalka Street. Zwischendrin in die Emek Refa’im und mittlerweile ist der Machane Yehudah Markt als Ausgehziel angesagt. Zumindest am Abend, nachdem die Markstände dichtmachen und Bier und Live – Musik auffahren.
Durch die Attraktion des Machane Yehudah verlor die Emek Refa’im drastisch an Bedeutung. Cafes und Restaurants blieben leer und  manche gingen Pleite. Sogar der Mac Donald’s verschwand. Immer wieder eröffnen neue Restaurants und Cafes, aber nur wenige halten sich. Trotzdem gilt die Emek Refa’im samt Umgebung als Traumort, was das Wohnen betrifft. Nur, wie gesagt, muss man sich das erst einmal finanzieren. Mieten und Immobilienpreise sind extrem hoch.
Der Stadtrat von Jerusalem unter Bürgermeister Nir Barkat plant die Emek Refa’im zu pushen und in eine zweite Jaffa Road zu transformieren. Die Emek Refa’im soll eine neue Einkaufsstraße werden. Florierende Cafes und eine Menge Touristen, die Geld bringen. Die German Colony aber ist keine Innenstadt und will es auch nicht werden. Man will den Charme und das Flair behalten und keine 08/15 Klitsche werden.
Der Stadtrat plant eine Straßenbahnlinie zu errichten. Vom Bell Park bis hin zur Rachel Imenu Street (eine Nebenstraße der Emek Refa’im). Alle 3,5 Minuten soll eine Straßenbahn fahren. Jedoch nur auf einer Spur, denn die Emek Refa’im ist extrem schmal. Auf der zweiten Spur fahren Autos. So müsste die Straßenbahn folglich einmal in die eine und dann in die andere Richtung fahren, was etwas kompliziert ist.
Als die Straßenbahnlinie in der Jaffa Road gebaut wurde, herrschte weit mehr als drei Jahre Bau – Chaos und zahlreiche Geschäften mussten dichtmachen. Die Kundschaft blieb weg, denn wer wollte schon durch den Schlamm steigen, um einkaufen zu gehen?
Drei Jahre sind für den Straßenbahnbau in der German Colony angesetzt, doch in Jerusalem dauert das eben mal so fünf oder mehr Jahre. Viele Geschäftsinhaber fürchten um ihre Existenz und man tat sich in einer Bürgerinitiative zusammen, um den Plan zu verhindern. Soweit ich weiß, hat der Stadtrat aber bereits alles beschlossen.
Durch die Emek Refa’im kann die Straßenbahn aus Platzmangel nur auf einer Schiene fahren. Und so kam der Stadtrat auf die katastrophale Idee, eine zweite Schiene in den benachbarten Messilah Park (Park der Gleise) zu legen. Bedeutet, man würde teilweise den erst neu errichteten Park, den alle aus den benachbarten Stadtteilen lieben, fast zerstören. Nur um neue Gleise zu verlegen, damit die Straßenbahn leichter in zwei Richtungen fahren kann. Auch hier tat sich eine Bürgerinitiativ zusammen und aktuell werden Unterschriften gegen die Zerstörung des Messilah Parks gesammelt.
Bürgermeister Barkat will Jerusalem auf Biegen und Brechen in ein neues Tel Aviv verwandeln und ob nun Natur oder Historisches dem Erdboden gleichgemacht wird, ist ihm egal. Es war ihm schon immer egal und Jerusalem ist froh, Barkat noch in diesem Jahr loszuwerden.
Nir Barkat hat größere Pläne, denn er will in die Knesset, Netanyahu vom Likud – Vorsitz stossen und selber das Zepter übernehmen. Der langweilige charismalose Barkat ist in Jerusalem gescheitert, will aber nun in die große Politik, um dort weiter abzuholzen. Chancen sehe ich keine, aber der baldige Ex – Bürgermeister ist halt von sich überzeugt.

 

Wer ein wenig Jerusalem sehen will, der kann sich die Videos anschauen. Stadtteile, die der Tourist sonst nicht unbedingt sieht und von Problemen erfahren, welche Touristen gar nicht wahrnehmen.
Gegen die Straßenbahn in der Emek Refa’im

 

 

 

Der Plan der Stadt Jerusalem
Die Emek Refa’im Street ist im Winkel von 360 Grad einzusehen. Man kann das Video mit dem Cursor drehen!

 

 

 

Ein Stück Jerusalem, dass leider nicht jeder Tourist kennt: Der „Park HaMessilah – Park der Gleise“. Gleise deshalb, weil der Fussweg aus Holz genau auf den ehemaligen Gleisen der Zugverbindung Jerusalem – Tel Aviv entlang führt.
Mit englischen Untertiteln!

 

 

Protest in der Grabeskirche

B“H
Jemand schrieb mich an und meinte, dass an diesem Thema viel Interesse bestehe:
Proteste und zeitweilige Schließung der Jerusalemer Grabeskirche (Englisch: Holy Sepulchre).
Nun sind Kirchen nicht so mein Ding und ich weiß nur, dass die Grabeskirche von unzähligen christlichen Gruppen geteilt wird. Jede christliche Ausrichtung hat da ihre kleine Ecke. Viele christliche Besucher der Grabeskirche sagten mir, dass sie zwar von der Größe der Kirche beeindruckt seien, doch kamen sämtliche Nonnen, Mönche, Pfarrer aller Kirchen auf sie zu, um Spenden zu erbetteln. Ob russisch – orthodoxe Priester, die griechischen, armenischen, katholischen, protestantischen und wie viele andere Ausrichtungen es noch gibt. Touristen werden nicht selten abgezockt.
Die Kirche wurde, soweit mit bekannt, von den Kreuzrittern erbaut, die da annahmen, dass an dem Ort J. gekreuzigt wurde. Oder begraben lag. Was auch immer.
Dem kann nicht so sein, denn das damalige Areal befand sich einst innerhalb der Stadtmauern Jerusalems zu Zeiten des Zweiten Tempels und somit wurde an dem Ort niemand getötet oder begraben. Die jüdischen Gesetze schreiben vor, dass Tote immer außerhalb der Stadtmauern begraben werden.
Ich glaube, dass Katholiken bis heute an die erfundene Kreuzritter – Version glauben. Die Protestanten jedoch haben eine ganz anderen Ort als Grabstätte von J. auserkoren. Diese befindet sich unweit des Damaskustores in einer Art Garten. Jedenfalls schaut das von außen so aus und drinnen war ich noch nie.
Tagesschau & Co. berichteten über die aktuellen christlichen Proteste in der Grabeskirche. Hierbei wurde einmal wieder gelogen und falsch berichtet. Ohne Recherche und ohne die Gemeindeordnung der Stadtverwaltung zu kennen.
Es sollen keine Christen verdrängt werden, sondern die Stadtverwaltung Jerusalem fordert von der Grabeskirche die ARNONA – Zahlungen sowie Nachzahlungen. Es geht, schlicht und ergreifend, um Grundsteuern, welche die Kirche nicht zahlen will.
Jede israelische Kommune fordert Arnona (Grundsteuer). Auch von mir. Und wehe dem, wer die nicht pünktlich zahlt. Dann kracht es und die jeweilige Stadtverwaltung bringt den unwilligen Zahler vor Gericht.
In Israel zahlt normalerweise der Mieter die Arnona und ich habe dies schon mehrere Male in der Vergangenheit berichtet. Die Höhe der Grundsteuer richtet sich nach der Quadratmeteranzahl der Wohnung sowie dem Stadtteil. Jedes Jahr im Januar erhalten wir Jerusalemer Bürger den Arnona – Bescheid für das neue Jahr. Entweder zahlt man die Summe auf einmal oder per monatlichem Abbuchungsauftrag bei der Bank. Ich zahle mit der Bank – Variante.
Synagogen zahlen ebenfalls Arnona genau wie alle Synagogen der chassidischen Gruppen vom ultra – orthodoxen Mea Shearim. Hotels zahlen Arnona, Geschäfte, Unternehmen und und und. Die Grabeskirche aber weigert sich und Details dazu könnt Ihr hier einsehen:
http://www.jpost.com/Israel-News/Church-of-the-Holy-Sepulcher-closes-in-protest-of-new-policies-543558
Niemand will den Kirchen Böses, doch wenn, dann sollen alle Grundsteuern zahlen.
Klar ist die Stadtverwaltung knapp bei Kasse und im Haushalt kommt durch die Arnona nicht viel zusammen. Halb Ostjerusalem erhält Rabatte bei den Zahlungen, denn die Leute geben vor, zu wenig zu verdienen. Generell erhalten Studenten, Neueinwanderer, Sozialhilfeempfänger, Arbeitslose, Behinderte oder Rentner deftige Rabatte bei der Arnona. Irgendwann fehlt es dann im Haushalt der Stadt und unserem Stadtteil wurde neulich mitgeteilt, dass die Sicherheitsvorkehrungen runtergefahren werden, da die Stadt kein Geld hat.
Die Grabeskirche nimmt Batzen an Geld ein und will alles für sich. Dazu werden Touristen von subversiven Geistlichen in der Kirche abgezockt. Einen Mauerstein anzufassen kann da schon Geld kosten und der subversive Geistliche packt sich das Geld ins eigene Täschchen. Oder die griechisch – orthodoxen Mönche prügeln sich mal wieder mit den Russisch – Orthodoxen über die Vorherrschaft in der Kirche. Dann kommt die israelische Polizei und zieht die keifenden heiligen Streithähne auseinander.
Wer sich für das Thema brennend interessiert, der kann ja mal inkognito in der Kirche selbst recherchieren. Über Machenschaften der Geistlichen, Politik um die Vorherrschaft und all die kleinen kriminellen Steuerhinterziehungen.
Wer die Kirche lediglich besucht: Passt auf Euer Geld auf und gebt keinem etwas. Die Besichtung der Kirche ist kostenlos und Mauersteine brauchen nicht bezahlt werden! 🙂

Jerusalemer Abfallspielchen

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Photo: Miriam Woelke

 

B“H
Das ist doch mal was Originelles?
Da öffnet Ihr einen Blogpost und schon seht Ihr dem Jerusalemer Müll entgegen! 🙂
Nein, im Ernst. Bis gestern streikte mal wieder die Jerusalemer Müllabfuhr, denn Bürgermeister Nir Barkat liegt im Dauerclinch mit Finanzminister Moshe Kachlon. Es geht, wie immer, ums Geld, welches Moshe Kachlon dem Jerusalemer Bürgermeister verweigerte.
Alle paar Monate fängt Barkat einen neuen Streit an, denn es geht ihm um Publicity. Bei den nächsten Knessetwahlen will er ins Parlament einziehen und seine Ambition ist es, Premierminister zu werden.
Das einzige Problem, welches Barkat nicht so ganz realisieren will: Er ist nicht beliebt und gilt als arroganter trockener Bürokrat ohne Charisma. Langweilig halt.
Der Besitzer eines Hightech – Unternehmens hat zwar Geld, aber keinerlei Politikerqualitäten. Und mit dem Otto Normalverbraucher kann er schon gar nichts anfangen.

 

Jerusalem: Vom Kikar HaMusika (Music Square) zum Kikar Zion (Zion Square)

B“H
Nach der Arbeit war ich heute in der Innenstadt und auf dem Machane Yehudah Markt. Da nutzte ich gleich die Gelegenheit, einmal Jerusalems „neue“ Attraktion, den Kikar HaMusika anzuschauen und zu filmen.
So neu ist der Platz nun auch nicht mehr, denn er wurde bereits vor zwei Jahren gebaut. Bürgermeister Nir Barkat wollte eine neue Attraktion, um Touristen und junge Einheimische anzulocken. Barkats großer Traum ist es, Jerusalem in ein zweites Tel Aviv zu verwandeln, was ihm jedoch nie gelingen wird.
Ein reicher französischer Jude fand sich als Investor und so entstand auf einem Hinterhof in der Innenstadt ein Platz mit vielen Restaurants und allabendlicher Live Music. Die Restaurants sehen nicht gerade billig aus und ich kann mir kaum vorstellen, dass Backpacker dort abhängen, aber naja …
Wer sich für den Kikar HaMusika interessiert: Der Zugang erfolgt von der Hillel Street 27 über eine kleine Gasse. Oder von der Yoel Solomon (neben dem Kikar Zion – Zion Square).
Nach dem „Musikplatz“ ging ich die Yoel Solomon bis zum Zion Square hinauf. Bis vor mehreren Jahrzehnten war der Square grün bepflanzt und eines der Prunkstücke der Stadt. Selbst eine Straßenbahn fuhr damals die angrenzende Fußgängerzone Ben Yehudah noch rauf und runter.
Heute ist der Kikar Zion nur ein öder Platz. Selbst das Rondell, auf dem man sitzen konnte, wurde vor Jahren demontiert. Begründung: Nur die Junkies versammeln sich dort.
An der Jaffa Road gelegen verlaufen die Wege vom Zion Square in mehrere Richtungen. Touristen kennen das und sie gehen von dort aus die Ben Yehudah hinauf. Eine Fußgängerzone, deren Läden meistens von Touristen besucht werden. Einheimische zieht es dort nicht unbedingt hin und man kauft woanders ein. Nämlich in den riesigen Malls in den Stadtteilen Talpiyot, Pisgat Ze’ev oder Malcha.

 

Selbst das neuerbaute Kaufhaus Hamaschbir am Zion Square fährt Verluste ein. Zu teuer und Israelis legen keinen Wert auf Kaufhäuser. Beim HaMaschbir denkt man mittlerweile darüber nach, Ladenflächen zu vermieten und sich selbst zu verkleinern.
Jerusalem hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten drastisch verändert. An erster Stelle stehen neue Luxusbauten. Wohntürme mit Luxusapartments, die sich Otto Normalverbraucher nicht leisten kann. Nicht alle Wohnungen sind verkauft oder vermietet und so herrscht in einigen Wohnblocks der Innenstadt gähnende Leere.
Der Bürgermeister setzt auch weiterhin auf Luxus, aber vielleicht findet Jerusalem zu seiner alten einzigartigen Form zurück, sobald Nir Barkat in der Knesset sitzt. Bei den nächsten Wahlen will er nämlich in die ganz große Politik einsteigen mit dem Ziel, Premierminister zu werden.
Hoffentlich werden wir davor bewahrt, denn in Jerusalem war er nicht besonders erfolgreich. Weniger Betuchten werden die Sozialwohnungen weggenommen und in Luxusapartments umgewandelt. Wie demnächst in der HaNurit Street im Stadtteil Kiryat Menachem. Mehrere Hundert Billigwohnungen sollen verschwinden. Die Frage ist nur, ob die Bewohner eine neue Bleibe finden.

Arnona, Hora’at Kewa und die palästinensische Gesellschaft

B“H
Zwischen dem Leben in Israel und dem in Deutschland bestehen gravierende Unterschiede. Ein riesiger Unterschied sind, u.a., die im Dezember / Januar eines jeden Jahres ausgehenden Arnona – Bescheide der Stadtverwaltungen an jeden einzelnen Bürger mit festem Wohnsitz.
In Deutschland gleicht die israelische Arnona der Grundsteuer. Auch die deutschen Verwaltungen schicken zu Beginn des Jahres Grundsteuerbescheide an Wohnungs – und Hauseigentümer. Der Unterschied zu Israel besteht darin, dass die Arnona (Grundsteuer / Müllabfuhr) allein der MIETER zu tragen hat. In Deutschland erhält nur der EIGENTÜMER einen solchen Bescheid.
Die Arnona für das jeweilige Jahr kann auf zwei Arten gezahlt werden:
Entweder auf einmal in Cash oder per Kreditkarte.
Oder man reicht ein sogenanntes Hora’at Kewa (Lastschrifteinzug bei der Bank) ein. Die Stadt Jerusalem, z.B., bucht dann jeden zweiten Monat Geld vom Girokonto ab.
Damit kommen wir schon zum nächsten Unterschied zwischen Deutschland und Israel: In Deutschland ist jeder selber für ein automatisches Abbuchungsverfahren zuständig. In Israel aber muss man erst zu seiner Bank und eine Erlaubnis für einen Lastschrifteinzug einholen.
Die Arnona ist nicht in jeder Kommune gleich hoch und dazu noch von Stadtteil zu Stadtteil unterschiedlich. Im einen Stadtteil ist die Grundsteuer günstiger, im anderen Stadtteil zahlt man für dieselbe Quadratmeteranzahl der Bleibe mehr.
Wer das Hora’at Kewa von seiner Bank in schriftlicher Form bekommt, muss damit zur Stadtverwaltung traben und den Lastschrifteinzug regeln. Das wollte ich heute Nachmittag tun, doch das Jerusalemer Rathaus war rappelvoll. Überall Menschenmengen, die wegen ihrer Arnona gekommen waren.
In Israel ist das Nummerziehen äußerst beliebt, denn sonst würde absolutes Chaos herrschen. So geht bei der Post, bei der Bank oder auf Ämter wenigstens ansatzweise alles der Reihe nach. Dafür prügelte sich heute im Rathaus eine Gruppe Palästinenser vor dem Automaten, der die Nummern auswirft. Jeder von denen wollte wohl zuerst auf den Knopf drücken und so wurde aufeinander eingedroschen. Das Security Personal dachte sich offenbar: „Lass mal die Palästinenser prügeln“ und Israelis standen weiter entfernt und filmten die Szenen mit dem Smartphone.
Jedenfalls meinte die Tussi an der Rezeption zu mir, ich solle an einem anderen Tag morgens wiederkommen. Am Morgen sei es im Rathaus ruhiger. Bedeutet, ich muss mir von der Arbeit morgens freinehmen. Und das alles nur, weil irgendwelche Palis des Abends im Rathaus ausrasten und sich eine Massenschlägerei liefern.

Stinkender Müll

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Photo: Miriam Woelke

B“H
Seid zwei Tagen versinkt Jerusalem im Müll. Die Mülltonnen quillen über und besonders schlimm ist es am Machane Yehudah Markt, wo Fußgänger geradezu im Müll herumwaten.
Touristen sind wahrscheinlich geschockt, wenn sie die Heilige Stadt so vermüllt vorfinden, aber der Grund dafür ist ganz simpel: Die Stadtverwaltung streikt seit gestern, denn man will mehr Geld vom Finanzministerium. Und solange kein Cash fließt, wird gestreikt.
Ob der Streik morgen fortgesetzt wird, weiß ich nicht. Gestern und heute jedenfalls blieb das Rathaus geschlossen und die Müllabfuhr war genauso untätig.