Leben in Jerusalem

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Ist Jerusalem fanatisch? & Leben in Israel, Einwanderung

Israel und die Palästinenser – Wie geht das?

Jerusalem: „Corona – Alltag“ & „Der Winter ist wieder da“

B“H
Der Winter lässt heute und morgen nochmal grüßen. In Jerusalem weht ein kühler Wind und es ist regnerisch.
Aktuell gibt es in Israel 93 Corona – Tote und 10,095 Infizierte. Jerusalem ist der Hotspot der Infizierten, doch vorwiegend in ultra – orthodoxen Gegenden, da man besonders dort vor einem Monat noch ausgiebig Purim feierte und den Virus unbeachtet liess. So konnte sich dieser gemütlich ausbreiten.
Netanyahu wollte ein zweites Purim verhindern und rief für die ersten Pessach – Tage eine komplette Ausgangssperre auf. Man sollte sich nicht gegenseitig besuchen, treffen und zusammen Pessach feiern. Vor allem in der säkularen Bevölkerung in meinem Stadtteil wurde diese Regelung umgangen. Großeltern wurden vor der Ausgangssperre angekarrt und allein gestern sah man viele Jogger, Spaziergänger und Leute, die ihre munter Hunde Gassi führten. So als sei das alles ganz normal. Da waren selbst die Araber unten im Stadtteil einsichtiger.
Generell ist es so, dass, wenn keine drakonischen Geldstrafen angeordnet werden, den Leute alles am Allerwertesten vorbeigeht. Joggen ist wichtiger als der Virus. In zwei Wochen ist Ramadan und ich will nicht wissen, was dann los ist.
Momentan uploade ich einen Podcast auf Youtube, in welchem ich zu einem realen chassidischen Brauch an Pessach Stellung nehme. Keine Netflix Serie mit Gier nach Rating und abstrusen Behauptungen, sondern etwas völlig Reales. Nicht jede chassidische Gruppe ist gleich und es gibt hunderte. Im Podcast jedenfalls spreche ich über einen wichtigen Brauch in Chabad – Lubawitsch und wer interessiert ist, kann es sich hier anhören:
https://hamantaschen.wordpress.com/2020/04/10/chabad-lubawitsch-brauch-an-pessach-die-plastiktuete/
Am Sonntag will ich eventuell versuchen, einkaufen zu gehen. Sonntag und Montag ist zwar Pessach, aber diese beiden Tagen sind Tage, an denen der Alltag normal abläuft. Sprich, Busse, Supermärkte und Arbeit.
Zwar wird davon gesprochen, die komplette Ausgangssperre bis nach Pessach (Mittwochabend) beizubehalten, aber wer weiß. Einkaufen müsste ich schon mal wieder. Wobei das allein schon nervig ist wegen dem Anstehen und Warten, dass man denn mal in den Supermarkt eingelassen wird.
Am Dienstag kommender Woche ist nur ein sogenannter halber Tag in Israel, denn abends beginnt der siebte und letzte Tag von Pessach. Am Mittwoch ist Feiertag und ab Mittwochabend / Donnerstag ist wieder Alltag und Pessach vorüber. Bedeutet, dass am Mittwochabend die Bäckereien wieder arbeiten und zuhauf frisches Brot backen.
In der Diaspora dauert Pessach acht Tage und dort herrscht es heute (Freitag) in einer Woche wieder Normalität.
Was wir alle so machen? Internet, Lesen, Schlafen, Putzen. Was kann man auch sonst groß machen? Alle ist geschlossen und nur Juden, die in im jüdischen Altstadtviertel leben, sind in der Lage, an die Klagemauer zu gehen. Die Jerusalemer Altstadt ist geschlossen und nur offizielle Bewohner kommen rein oder raus. Schulen bleiben nach Pessach weiterhin geschlossen, denn der Virus breitet sich immer weiter aus und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Vielleicht Ende Mai.
In zwei Wochen werde ich wieder auf Chemotherapie sein und das bis mindestens Anfang Juni. Vermutlich viel länger. Ich gehe mal vom ganzen Jahr 2020 aus.
Vorerst jedenfalls sehen wir einem total verregneten Schabbat entgegen. 

Coronavirus Update Jerusalem: „Pessach, Einkaufen, Alltag – 6. April 2020“

 

Alltag in Jerusalem während der Coronavirus – Krise

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Der verlassene Machane Yehudah Markt gestern – Photo: Miriam Woelke

 

B“H
Jemand fragte mich nach dem Alltag in Jerusalem und wie wir so leben während der Corona – Krise. Wo gehe ich einkaufen?
Zuerst einmal: Die öffentlichen Verkehrsmittel funktionieren zu 25 % und die Straßenbahn in Jerusalem fährt weiterhin. Fahrgäste müssen Abstand nehmen und so viele Fahrgäste gibt es eh nicht. Einige Leute fahren zur Arbeit wie Krankenhauspersonal oder Leute, die im Supermarkt arbeiten.
Der Machane Yehudah Markt war gestern offen. Besser gesagt nur einige Geschäfte wie die kleinen Lebensmittelläden und ein paar Stände, wo Fleisch verkauft wurde. Alles andere ist geschlossen und ich gehe davon aus, dass alles jetzt vor Pessach einigermaßen funktioniert und wir an den sieben anstehenden Pessach – Feiertagen (Beginn nächsten Mittwochabend) Israel sicher unter einer kompletten Ausgangssperre stehen. Man will ganz einfach verhindern, dass sich an den Feiertagen Leute versammeln und den Virus noch mehr verbreiten.
Ich habe mich bei meiner gestrigen Chemotherapie mit einer Krankenschwester unterhalten, die mir den IV (Intravenös) gab. Meine Onkologie – Abteilung des Shaare Zedek Medical Center hält außerdem heute ein Webinar ab, wo Onkologie – Patienten auf Chemotherapie Fragen stellen können. Die größte Patientensorge ist, dass sich nur noch um Corona – Leute gekümmert wird und alle anderen Kranken rausfliegen. Dem widersprach die Krankenschwester gestern, wobei sie einräumte, dass einige andere Patienten sicher drunter leiden müssen. Nicht jedoch Krebspatienten auf Chemotherapie und alles laufe, wie gewohnt, weiter. Man habe schon während Kriegszeiten einwandfrei funktioniert.
Bis Anfang Juni erhielt ich weitere Chemotherapie – Termine, wobei ich aber jetzt erst einmal drei Wochen Pause habe. Wegen Pessach und weil die Onkologie momentan nur eine bestimmte Anzahl an Chemo – Patienten zulässt, da man den notwendigen Abstand untereinander gewährleisten will.
Dennoch kündigt Krankenhausdirektor Ofer Merin drastische Einschnitte in 2 – 3 Wochen an. Für Corona – Patienten:
http://www.israelnationalnews.com/News/News.aspx/278182
Aktuell gibt es 35 Tote in Israel. Die absolute Mehrheit sind ältere Leute mit gravierenden medizinischen Problemen im Vorfeld. 6857 Leute sind infiziert. Mehr als die Hälfte davon ultra – orthodoxe Juden, die noch bis vor kurzem auf die Richtlinien des Gesundheitsministeriums pfiffen. Aber auch Chabad – Lubawitsch muss sich gewaltig Kritik gefallen lassen. Israel will unbedingt ein zweites Boro Park verhindern.
Wer aktuell pfeift, sind die Araber und die illegalen Afrikaner in Tel Aviv – Süd.
Als ich mit meiner Begleitung von der gestrigen Chemotherapie kam, stoppten wir am Machane Yehudah Markt und erledigten ein paar Einkäufe. Daheim wartete auf mich ein großer Früchte – und Obstkarton von Freunden. Heute kommen sie nochmals und an Essen fehlt es mir definitiv nicht. Sie kaufen für mich ein, weil sie über einen PKW verfügen und ich gebe ihnen das Geld für die Einkäufe.
Auch handgemachte Mazzot habe ich von Chabad recht teuer (muss ich sagen) erstanden. Dazu soll aber noch ein kostenloses Seder – Paket mit Pessach – Lebensmitteln folgen. In einem kleinen Supermarkt auf dem Markt kaufte ich gestern einen Packen Mazza Schmura. Die Teuren, die da aber nur 10 Schekel (2,50 Euro) kosteten. Immerhin plane ich an Pessach Mazze – Brei mit Mazze – Bröseln, zwei Eiern und das alles zusammen anbraten.
Karotten habe ich für Pessach, aber noch nicht genug. Freunde und ein Nachbar wollen mir noch kiloweise Kartoffeln, Zwiebel und weitere Karotten für die Feiertage anschleppen. Mir fehlt es an nichts und wenn, dann gibt es zur Seder halt Bratkartoffeln mit Zwiebeln. Ich bin nicht wählerisch und das ist eh eines meiner Lieblingsessen. 🙂 Mazzot sind genug vorhanden. Und Traubensaft zum Trinken auch.
Nur wenige Leute waren gestern auf dem Markt unterwegs und ich nehme an, dass es bislang noch keine komplette Ausgangssperre gibt, weil die Leute Lebensmittel für Pessach einkaufen. Polizei und Armee kontrollieren überall und mittlerweile sollte jeder eine Maske tragen. Handschuhe sowieso.
Masken gibt es, u.a., günstig bei Superpharm. Israel leidet unter keiner Klopapier – Krise und alles ist vorhanden außer Eier. Letztere sind echt schwer oder gar nicht zu finden. Dafür gibt es massenhaft Klopapier und Wischtücher. 🙂
Vorwiegend sind die Leute daheim und die Straßen sind leer. Einzig und allein die Araber sind massenhaft unterwegs. Ohne Masken und Handschuhe. Jedenfalls soweit ich das hier in meiner Umgebung sehe.
Jeder wurschtelt halt so vor sich hin. Mehr als 1 Mio Israelis sind derweil arbeitslos und es wird lange dauern, bis sich das Land erholt.
Zurück zu mir: Ich bin fast nur zuhause und langweile mich ganz und gar nicht. Ein paar sportliche Übungen, lesen oder halt Internet. Das bin ich eh gewohnt, seit ich auf Chemotherapie bin, denn viel unternehmen geht nicht. All die Nebenwirkungen lähmen und ich verliess nur zu Arzt – und Krankenhausterminen bzw. zum Einkaufen mal das Haus. Und Freunde bringen mir seit Monaten Lebensmittel mit. Alles also nichts Neues. 

Araber und der Mülltonnenklau

B“H
Nicht nur, dass viele Araber sich nicht an die Vorgaben des Gesundheitsministeriums halten, nein, bei uns vor dem Haus wird regelmäßig die Mülltonne geklaut. Jugendlich kommen und rollen die Tonne hinunter in ihren Teil des Stadtteiles. Gerade eben wieder geschehen.
Na, immerhin wollen sie mal eine Tonne benutzen. Ansonsten entsorgen sie ihren Müll samt ausrangierter Möbelstücke oder auch Kühlschränke nebenan in den Peace Forest.

Gesehen im Machane Yehudah Markt

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Machane Yehudah Markt / Jerusalem – Photo: Miriam Woelke

 

B“H
Seit Jahren schon rollt ein älterer Mann jeden Tag mit seinem Rollstuhl über den Jerusalemer Machane Yehudah Markt. Ich habe keine Ahnung, ob er gebürtiger Israeli ist oder aus den USA einwanderte. Jedenfalls hat er am Rollstuhl ein Plakat angehängt. Eine Seite ist auf Hebräisch beschriftet und die andere Seite auf Englisch. Jede Woche mit einem tollen neuen Spruch.
Am letzten Donnerstag sah ich ihn wieder im Markt und diesmal lautete der Spruch:
We live
We die
In the middle we fart
(Wir leben, wir sterben und in der Zwischenzeit furzen wir).
Ich sah den Typen vor der AROMA Cafe Filiale im Markt stehen und er bekam gerade eine Tasse Kaffee per Strohhalm, denn der Mann kann sich kaum bewegen. Ein palästinensischer Angestellter der Kaffeehaus – Kette half dem Mann beim Trinken, in dem er den Becher hielt und der Mann im Rollstuhl den Kaffee durch den Strohhalm saugte.
Ich wollte mich nicht hinstellen und die Szenerie photographieren, aber dennoch ist es erwähnenswert, diese scheinbar alltägliche Begebenheit festzuhalten.