Leben in Jerusalem

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In Israel sind wir immer nur DIE RUSSEN!

B“H
Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie in den 90iger Jahren die ersten Russen nach Israel kamen. Russische Juden durften, dank Gorbatschow, ausreisen und machten sich auf den Weg ins Gelobte Land im Nahen Osten.
Am Anfang waren die Israelis begeistert und extrem hilfsbereit. Dann aber stellte sich allmählich heraus, dass sehr viele Russen mit Forderungen kamen. Auto, Geld und und und. Smartphones gab es damals noch nicht. 🙂
Kurz gesagt, viele (nicht alle) Russen wollten das freie Leben im Westen geniessen und Israel sollte ihnen das ermöglichen. Hinzu kam, dass die Mehrheit der Russen (mehr als 76%) keine richtigen oder überhaupt keine Juden sind. Entweder wurden Papiere auf dem russischen Schwarzmarkt gekauft oder die Jewish Agency drückte ein Auge zu. Oder beides.
Jahre später gab die Jewish Agency offiziell zu, dass es ein Fehler war, all die Nichtjuden ins Land zu holen.
Was Israelis sahen waren Nichtjuden oder Juden, die teilweise keine richtigen Juden waren, das russische Verhalten „Ich will haben, Gib mir, Gib mir“ und gleichzeitig Russen, die sich in ihre Parallelwelt zurückzogen und den Israelis an den Kopf knallten, sie hätten keine Kultur und kennen Puschkin nicht.
Ein weiteres Manko war die aufkommende russische Mafia sowie die russische Prostitution. Bis heute haben russische Neueinwanderer ihren Ruf weg, auch wenn der nicht immer gerechtfertigt ist. Aber so fing alles in den 90iger Jahren an.
Jeder Neueinwanderer, darunter auch ich, hat seinen Akzent in der hebräischen Sprache weg. Die alten Jekkes (Deutsche die vor, während oder nach dem Holocaust) ins damalige Palästina kamen, haben bis heute einen deutschen Akzent. Jedenfalls dann, wenn sie erst im Teenageralter oder später Hebräisch lernten. Wer als Kind kam, passte sich schnell an und spricht normalerweise akzentfrei.
Nun sind Israelis allerlei Akzente gewohnt, denn fast alle haben irgendwann einmal im Land begonnen. Sephardische Juden haben marokkanische, kurdische, iranische, jemenitische, etc. Akzente oder diverse separate Wörter. Franzosen haben ihren Akzent, spanischsprechende Juden genauso wie Anglos. Allerdings ist den meisten Israelis kein Akzent im Hebräischen dermaßen verhasst wie der russische Akzent. Alles kann irgendwie ertragen werden, doch der russische Akzent hat seinen Ruf weg.
In Israel gibt es russische Verlage, russisches TV und Radio sowie russische Zeitungen. Viele ältere Russen sprechen selbst nach 20 Jahren im Land nur Russisch. Die jüngere und hier geborene Generation ist anders. Man ist in Israel aufgewachsen und zur Schule gegangen. Wer die russische Mentalität der Eltern und Großeltern nicht übernimmt, gilt als astreiner Israeli.
Als ich in Tel Aviv lebte, arbeitete ich mit einigen von den in Israel geborenen Russen zusammen und oft wusste ich gar nicht, dass ihre Eltern aus den GUS – Staaten stammten. Es war kein russischer Akzent mehr da und man war durch und durch Israeli. Viele von ihnen haben jedoch noch russische Namen wie Yevgeni, Igor, Alexander – Sascha, Svetlana, etc. So mancher Igor nennt sich im Erwachsenenalter lieber Yigal. Also israelisch anstatt mit dem russischen Beigeschmack. Trotzdem hat fast jeder Supermarkt irgendwo seinen Sascha oder Yevgeni und seine Bluma oder Sveta an der Kasse.
Die Russen sind sehr oft wissbegierig und die jüngere Generation hat es etwas leichter als ihre Eltern. Während die Eltern, trotz russischer akademischer Ausbildung, in Israel nur als Fabrikarbeiter, etc. Jobs bekamen, lernt die neue Generation an der Uni oder an der Künstler – Uni „Bezalel“. Alles ist also super, wenn der russische Akzent weg ist. Ist er noch vorhanden, gibt es nicht selten seitens der Israelis dumme Anspielungen.
Generell kamen die Russen mit hohen Erwartungen, die sich oft nicht erfüllten. Man schuftete im Mindestlohnsektor und kam auf keinen grünen Zweig. Frustration machte sich breit und als Putin den ausgewanderten Russen erlaubte, nach Russland zurückzukehren, nahmen Tausende Russen das Angebot an. Zuvor war es so gewesen, dass die Russen nicht mehr in Russland wohnen konnten, denn sie verloren mit der Auswanderung ihre russische Staatsbürgerschaft. Dann aber fiel es Putin ein, dass Russland Fachkräfte braucht und so bot er den Russen, die mittlerweile zu Israelis geworden waren, die Rückkehr an.
Gestern Abend brachte ein israelischer TV Sender einen kurzen Bericht über die Rückkehrer. 120,000 Israelis (einst nach Israel eingewanderte Russen) leben heute allein in Moskau. Zurück in Russland sind sie nicht mehr nur DIE RUSSEN, sondern ganz normale Menschen. Einerseits ist man froh, denn in Russland kann jeder viel erreichen und eben mal so reich werden. In Israel hingegen kämpften sie mit den hohen Lebenshaltungskosten, den Vorurteilen der Gesellschaft und trotz guter Ausbildung waren Russen in diversen Job wenig erwünscht. Letzterer Punkt trifft auf fast alle Neueinwanderer zu, denn in gewisse Branchen der selbsternannten Society der Besserverdiener an der Küste passen keine Neueinwanderer. Da ist man lieber unter sich und total israelisch.
Ist Israel rassistisch?
Definitiv, doch die Russen sind es nicht weniger. Sie hegen Vorurteile gegenüber Israelis, aschkenazischen Juden tun dasselbe mit sephardischen Juden und umgekehrt. Egal wer, jeder hat etwas gegen jeden, doch der Unterschied zu Deutschland ist, dass im Ernstfall alle zusammenhalten. Passiert etwas, stehen fast alle eng zusammen, helfen und verteidigen sich gemeinsam.
Der gestrige TV Bericht zeigt die Russen der etwas jüngeren Generation, die, einmal zurück in Moskau, vieles erreichten, was in Israel unmöglich gewesen wäre. Sie arbeiten in gutbezahlten Jobs und können sich etwas leisten. Trotzdem bleibt die Wehmut und Israel wird vermisst. Das Emotionale fehle halt. Dieses Gefühl des Zusammenhaltes in Ausnahmesituation und die heimelige israelische Atmosphäre. Geld sei jetzt zwar mehr da, aber dafür kommt dann doch oft Heimweh nach Israel auf.
Der Bericht ist in hebräischer Sprache, aber eine Rückkehrerin spricht auf Englisch. Sie kam im Jahre 2010 nach Israel und kehrte im Jahre 2013 nach Russland zurück.
Im Laufe der Zeit sind relativ viele Russen wieder in ihre alte Heimat gezogen, denn dort sind sie anerkannt und nicht immer nur DIE RUSSEN. Richtig zu etwas gebracht haben es trotzdem nicht alle und so mancher israelischer Russe lebt auch in Russland wieder in Armut.
Zum TV Bericht HIER!
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„Das heilige Land“ aber kein „Paradies“

B“H
Der „Times of Israel“ Journalist Assaf Luxembourg schrieb mir nach einem Blogpost auf meinem englischen Blog:
„Israel ist zwar das Promised Land (Versprochene / Heilige) Land, aber es ist kein Paradies (Garden of Eden).“
In besagtem Blogpost, den ich vor einiger Zeit bereits in deutscher Fassung auf „Leben in Jerusalem“ gestellt hatte, geht es wieder einmal um das Thema „Aliyah – Wenn Juden nach Israel auswandern“.
In meinem deutschen Blogpost gab ich wesentlich mehr Details, denn eine Menge deutschsprachige Leser benötigen diese mehr als ein amerikanischer Jude, der kurz vor der Aliyah steht.

Die Leserfrage auf dem englischen Blog lautete:
„Wie viele Neueinwanderer verlassen Israel wieder?“

Auf die englische Fassung erhielt ich vor ein paar Tagen viele Emails und eine Menge Leser. Und auf Twitter auch die Anmerkung des Journalisten, womit dieser absolut Recht hat und ich es nicht besser ausdrücken könnte.
Israel ist das Heilige Land, aber es ist garantiert kein Paradies, wo einem alles in den Mund fliegt. Jeder muss hart arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Egal, ob Jude, Moslem, Christ oder Druse. Und wenn nötig arbeitet man auch schon einmal im letzten miesesten Job, denn der Mensch muss leben und leider auch seine Rechnungen zahlen.
Wer als Jude Aliyah macht, der sollte sich dessen bewusst sein. Dennoch sind Israelis in puncto Arbeit anders als Deutsche. Arbeit wird anerkannt und selbst wer putzt oder im Supermarkt an der Kasse hockt zeigt, dass er seinen Lebensunterhalt verdient. In Deutschland dagegen gilt eine Putzfrau oder Kassiererin oder wer weiß was, zu schnell als Unterschicht und ungebildet.
Deshalb braucht sich kein Neueinwanderer zu schämen, wenn er in einem Laden Regale einräumt oder beim Pizza – Service jobbt. Hauptsache Geld verdienen und der Rest ergibt sich irgendwann. So mit aufs Amt gehen und abkassieren ist hierzulande nicht und selbst wenn, das Geld fließt nicht in Strömen.

Amerikanische Neueinwanderer in Israel

B“H
Beim Anschauen des Videos kommt Stimmung auf, denn die Satire entspricht absolut der Wirklichkeit.
Ich kenne in Israel keine Deutschen und strebe auch nicht unbedingt danach. Dafür kenne ich extrem viele Anglos und viele Israelis. Wobei die Anzahl der Anglos etwas überwiegt. Auf der Arbeit hält sich das Verhältnis die Waage und das Positive ist, dass meine Sprachkenntnisse definitiv besser geworden sind.
Und generell einfacher ist es auch, weder Israelis noch Amerikaner legen jedes Wort auf die Goldwaage und man muss sich nicht ständig erklären:
„Warum man dies so sagt, wenn man es doch anders meint und dann hätte man doch folglich alles ganz anders sagen müssen.“
Ich glaube, dass ist so typisch für Deutschland!
Aber jetzt erst einmal die Satire von amerikanischen Neueinwanderern in Israelis
 

 

Leserfrage: „Aliyah (Einwanderung nach Israel) Statistik 2017“

B“H
Bezüglich Auswanderung:
Gibt es nicht soetwas wie eine jährliche Aliyah-Statistik z.b vom israelischen Innenministerium, welche die Aliyah-Zahlen genau nach Herkunftsland aufschlüsselt?
Mich interessieren solche Statistiken schon länger, aber auf Englisch findet man dazu keine offiziellen Zahlen und mein Hebräisch ist zu schlecht.
Ein paar Angaben in englischer Sprache vom Central Bureau of Statistics findest Du hier:
https://www.anglo-list.com/aliyah-information/aliyah-statistics-data
http://www.cbs.gov.il/reader/shnaton/templ_shnaton_e.html?num_tab=st04_02&CYear=2017
Europa ist jetzt nicht so super aufgeschlüsselt, aber ein hoher Anteil wanderte 2017 aus den UK sowie aus Frankreich ein. Wobei die Zahl der französischen Juden bezüglich der Einwanderung sank. Auch immer weniger Russen machen Aliyah.
Der Anteil von Juden aus Deutschland, die Aliyah machen, ist eher unerheblich. Deutschland hat noch nicht einmal eine eigene Olim (Einwanderer) Society in Israel und ist mit eingebunden in die British Olim Society. Dort muss man nicht unbedingt nach seiner Ankunft in Israel hin, kann sich aber dennoch ein paar Infos wie Adressenlisten von Arbeitsamt, Nationalversicherung Bituach Leumi, etc, abholen. Manchmal hat die British Olim auch Jobangebote in Jerusalem, Tel Aviv oder Netanya, wo sich deren Niederlassungen befinden.
Zur British Olim Society gehören britische Einwanderer, deutsche sowie jene aus Südafrika. Im Office von Jerusalem sitzen Nichtsnutze, aber in Tel Aviv lohnte es sich hinzugehen. Es reicht einmal, denn soviel Tolles gibt es nun auch nicht zu erfahren.
Bei der Gelegenheit möchte ich nochmal darauf hinweisen, dass die Aliyah (Einwanderung nach Israel) nur Juden betrifft und keine Nichtjuden. Wer keinerlei Papiere diesbezüglich vorweisen kann, dem wird auch keine Aliyah gewährt. Jemand kann als Tourist kommen, sein Visum verlängern, aber muss dann irgendwann wieder das Land verlassen. Zudem erhält jemand, der sich für einige Zeit als Tourist niederläßt, keine Staatsbürgerschaft, kaum Rechte und keine Arbeitserlaubnis.
Es gibt befristete Studentenvisa oder halt für Praktikanten oder Leute, die Recherche betreiben. Es gibt da einen Deutschen bei der Nationalbibliothek von Jerusalem, der da über deutsche Juden forscht. So richtig dazugehören tut man jedoch nicht, was derjenige dann bei Versicherungen, der Bituach Leumi, Banken und überhaupt im Alltag erfährt. In Israel ist es wichtig, eine israelische Personalausweisnummer zu haben. Bei allem wie Telefonverträgen und jedem kleinen Pups im Alltagsleben. Die Nummer ist wichtig und bleibt einem ein Leben lang. Sie dient als Identifikation wie in den USA die Sozialversicherungsnummer.
Hast Du diese Nummer nicht und bist demnach kein Staatsbürger, kann es sein, dass Du anders behandelt wirst. Manchmal ist das gar nicht so offensichtlich, aber mit Personalausweisnummer hast Du einen anderen Status. Ansonsten bist Du immer der Außenseiter und man kann Dich nicht einordnen.
Ich bin einmal vor Jahren mit einer Bekannten, die hier Touristin war, zu einem Event gegangen. Die Security fragte nach unseren Ausweisen und als man ihren Pass sah, war sie gleich verdächtig. Ja, was sie denn da wolle und so.
Ich zeigte meinen israelischen Personalausweis, wurde nur durchgewunken und die Bekannte gleich mit. Weil ich dabei war, war alles okay.
Den Personalausweis erhält man als eingewanderter Jude beim jeweiligen Innenministerium (Misrad HaPnim) des Ortes, an dem man sich niederläßt. Dazu sind die Aliyah – Papiere der Jewish Agency oder bei US – Amerikanern & Kanadiern, von Nefesh be’Nefesh erforderlich. Auch Papiere vom Einwanderungsministerium (Misrad HaKlitah) sowie der Nachweis, dass man Jude ist.
Wer Reform konvertierte, wird nicht bei Oberrabbinat registriert, denn dort gilt er als Nichtjude. Wer Orthodox konvertierte, wird automatisch mit der Aliyah beim Oberrabbinat als Jude eingetragen. Dies ist wichtig bei Heirat, Tod und Kindern.
In Israel ist alles streng geregelt und nur mit den entsprechenden Papieren gehört man dazu. Übrigens ging das bei mir mit dem Personalausweis beim Innenministerium von Jerusalem sehr schnell. Ich hatte einen haredischen (Ultra – Orthodoxen) Sachbearbeiter und ich war da schnell wieder raus. Ich wurde nicht dumm angemacht, wie sehr viele andere Neueinwanderer. Das Innenministerium kann oft der Knaller sein und nicht wenige werden in Grund und Boden geschrien. Frustrierte Bürokraten und dann immer wieder Touristen mit Visaverlängerungen und seltsame Leute, die fälschlicherweise vorgeben, Juden zu sein. Wer auf dem Ministerium keine beweiskräftigen Unterlagen bringt, erlebt sein blaues Wunder. Es wird gebrüllt und dann heißt es “Raus aus dem Land”.
Palästinenser haben ihre eigenen Ministerien in Ostjerusalem. Mit Angestellten, die Arabisch sprechen.
Was für mich viel interessanter ist: Der Anteil jener jüdischen Neueinwanderer, welche das Land wieder verlassen. Aus welchen Gründen auch immer.
Finanzielle Gründe, wenn man keinen so tollen Job fand und halt im Niedriglohnsektor landete. Oder jemand kam mit völlig falschen Erwartungen. Familiäre Gründe. Manche Eheleute lassen sich scheiden oder die Kinder kommen hier nicht zurecht. Oder man hat die Schnauze voll, von ganz unten anfangen zu müssen. Da geben viele Leute auf und sehen nicht ein, wieso sie in Israel am Rande des Existenzminimums leben, wenn sie doch im Heimatland ein viel besseres Leben hatten.
Es gibt viele Gründe, warum Neueinwanderer wieder gehen. Vor allem Russen und Amerikaner beklagen sich, dass gebürtige Israelis rotzfrech, laut, arrogant und nervig seien. Okay, Amerikaner werden eher anerkannt als Russen, denn Russen haben ihren Ruf als Mafia und Prostituierte weg.
Dennoch, nach mehr als 20 Jahren Israel muss ich sagen, dass es hierzulande Gruppen / Gesellschaftsgrüppchen gibt, in die ein Neueinwanderer (egal, aus welchem Land) niemals hineinkommt. Man wird nett behandelt, aber diverse Gesellschaften würden einen nicht so akzeptieren wie eine gebürtigen Israeli. Und damit meine ich keine religiösen Ausrichtungen, sondern das genaue Gegenteil: Säkulare Gesellschaftsgruppen im akademischen / wirtschaftlichen Bereich. Insbesondere in der Finanzwirtschaft sowie der allgemeinen Wirtschaft, womit ich arbeitsmäßig zu tun habe. Es gibt da diverse Clans und die als Neueinwanderer aufzubrechen, ist mir noch nicht gelungen. Aber auch die Polizei ist hierarchisch und als Frau hast Du da nicht viel zu melden. Da regieren sephardische Macho – Typen.
Die Jerusalem Post berichtete, dass circa 40% der Neueinwanderer mit dem Gedanken spielen, Israel wieder zu verlassen. Manche tun es, andere bleiben. 40% aber wollen zumindest wieder weg.
Es ist nicht leicht, in Israel zurechtzukommen und viele geben halt frustriert auf.

Leserfragen zu Israel und ob deutsche Juden Deutschland verlassen wollen

B“H
Es kommen eine Menge Leserfragen bei mir an. Sei es als Kommentar oder per email. Viele davon kann ich nicht beantworten, weil sie zu allgemein sind:
Immobilen kaufen in Israel (Wo, wann, was genau?)
Praktikum in Israel (Als was und in welchem Ort und wie lange?)
Sepharden in Israel (Was genau will da jemand über sephardische Juden wissen?)
Obdachlose in Israel (Ist die Frage spezifisch oder allgemein? Obdachlose generell oder Jugendliche?)
Abends in Jerusalem (Was hat derjenige für Interessen?)
Ultra – Orthodox und chassidisch (Was genau ist hier die Frage?)
Jerusalem bei Hitze (???)
Wenn Ihr Euch vielleicht etwas genauer ausdrücken könntet, wäre es einfacher, die Fragen auch zu beantworten.
Was mich wiederum interessieren würde ist, wie viele Juden mit dem Gedanken spielen, Deutschland zu verlassen. Mindestens vier Leute haben sich bei mir gemeldet und sie wollen noch in diesem Jahr nach Israel auswandern. Einer davon bringt eine, wie ich finde, sehr interessante Geschäftsidee mit.

Israel: „Enttäuschte Neueinwanderer“

B“H
Ich kann gar nicht mehr sagen, wie viele Neueinwanderer ich in meinen etwas mehr als zwanzig Jahren Israel schon getroffen habe. Sie kamen und viele von ihnen waren irgendwann einfach wieder verschwunden. Man kehrte enttäuscht zurück nach Russland, Argentinien, Brasilien, Kolumbien, nach Europa oder in die USA. Und diejenigen, die in Israel blieben, sind auch nicht immer glücklich. Zurück in ihre Heimatländer wollen sie aber auch nicht.
Es ist ganz normal, dass Neueinwanderer mit unterschiedlichen Erwartungen kommen. Egal wer und welches Land. Man hat eine Vorstellung und will etwas verwirklichen. Etwas Neues beginnen und nochmal von ganz vorne anfangen.
Mit Juden aus Deutschland, die nach Israel einwanderten, kenne ich mich so gut wie gar nicht aus. Ich habe keine Kontakte und als ich offiziell nach Israel einwanderte, hatte ich schon mehr als drei Jahre im Land verbracht, gearbeitet und war der Sprache mächtig. Und der wichtigste Punkt: Ich wusste genau, was mich erwartet und kannte die israelische Mentalität. Zudem hatte ich bereits einheimische Freunde. Freunde, von denen heute, nach achtzehn Jahren, niemand mehr übrig ist. Der Mensch verändert sich und gewinnt halt neue Freunde. Manche bleiben, manche verschwinden. Das ist völlig normal.
Vor fast zwanzig Jahren hatte ich in einem Chat Kontakt mit einem deutschen Juden, der nach Jerusalem ziehen wollte. So richtig mit Einwanderung und Jewish Agency. Kenntnisse über Israel hatte er keine und so meinte er unter anderem, dass fast alle im Land Deutsch sprechen und deutsche Vorfahren haben. Demzufolge müsse er ja kein Hebräisch lernen.
Naja, ich dachte mir halt meinen Teil und seine Einwanderung ging, so hörte ich, nach wenigen Wochen schief. Offenbar hockte er nur in seinem Zimmer im Aufnahmeheim und konnte nicht kommunizieren. Kein Englisch, kein gar nichts. Nur Deutsch und deutsche Vorstellungen. Dann war er schnell wieder in Deutschland.
Okay, das ist ein Extrembeispiel, aber immerhin ein Beispiel.
In Israel sprechen nicht viele Leute Deutsch und nur wenige haben deutsche Vorfahren. Wenn ich Jerusalem als Beispiel nehme: Die Stadt wird von sephardischen Juden (Marokko, Kurdistan, Iran, Irak, etc.) dominiert. Klar gibt es aschkenazische Juden, doch lange nicht soviele wie, u.a., in Tel Aviv. In mehreren Jerusalemer Stadtteilen finden sich extrem viele Franzosen oder Anglos. Russen sind genauso zu finden oder Südamerikaner. Jeder kommt mit seiner eigenen Geschichte und mit seinem Päckchen Vergangenheit.
Es ist wichtig, Hebräisch zu lernen. Das macht einen gewaltigen Unterschied, den man merkt, wenn man denn der Sprache einmal mächtig ist. Darüber hinaus macht es einen Unterschied, ob man Jude ist oder nicht. Auch dieser Unterschied wird sich mit der Zeit bemerkbar machen. Etwas aus jüdischer Perspektive zu sehen, ist eben nochmal anders.
Ich kenne sehr viele Neueinwanderer aus Kanada, den USA oder Australien und diejenigen, die ich heute kenne, bleiben alle in Israel und planen keinerlei Rückkehr irgendwohin. Israel ist ihr Zuhause geworden, obwohl daheim Englisch gesprochen wird und halt eine Anglo – Mentalität vorherrscht.
Enttäuscht werden alle Neueinwanderer früher oder später. Spätestens dann, wenn die Behördengänge kommen und der Neue mit der israelischen Mentalität und Realität konfrontiert wird. Manchmal lautes Geschrei, harsche Worte, genervte Leute, Stress und dann die fehlenden Vokabeln in der neuen Sprache. Wie mache ich mich jetzt verständlich und kapiert der andere das auch? Polternde israelische Angestellte werden, oft zu Unrecht, als rotzfrech empfunden. Manchmal stimmt das und dann auch wieder nicht. Ich denke, dass ein Neueinwanderer sich eine bestimmte Art von Humor oder Ironie aneignen muss und nichts zu ernst nehmen darf. Oder anders gesagt: Man braucht ein dickes fettes Fell.
Jeder Neueinwanderer kennt die Phasen, in denen er sich wieder heim wünschte, wo er die Landessprache beherrscht und sich zuhause fühlte. In der neuen Heimat ist alles neu und dann auch noch die lauten Israelis, die da rumnerven und einem dummkommen. Weil sich der Neueinwanderer nicht so auskennt, wird er auch noch abgezockt. Ob auf dem Markt, beim Kauf von Hausrat, bei Versicherungen und und und. Aber nur keine Panik: Jeder von uns hat sein Lehrgeld bezahlt! 🙂
Kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Einfach weitermachen und einleben.
Ob die Integration mit einer Familie einfacher ist?
Ja und Nein.
Ja, weil man halt Unterstützung hat und einen sicheren Hafen. Sprich, Wohnung und Familie. Das gibt Halt.
Nein, weil dann der Neueinwanderer gezwungen ist, sich neue Freunde zu suchen und überhaupt aktiv zu werden. Heißt, er muss raus aus der Bude und ab ins Leben.
In Israel fragt niemand nach Integration oder nicht. Entweder wird sich integriert oder nicht. Wenn nicht, packt derjenige die Koffer und fliegt wieder in sein Heimatland. Alle anderen integrieren sich, denn, wie ich schon so oft schrieb, es wird einem in diesem Land nichts auf einem goldenen Tablett serviert. Einwandern, Bleibe und Job finden und arbeiten. Auf diese Weise wird sich automatisch integriert. Auf der Arbeit Kollegen kennen lernen und die sind gut für brauchbare Ratschläge.
Wer dagegen jammert, droht oder sonstwie unzufrieden ist, der hat es schwer. Mit anderen und mit sich selbst. Die Einwanderung in ein anderes Land sollte offen angegangen werden. Erst einmal schauen, was da so kommt und nicht in Panik verfallen. Nicht alles mit seinem vorherigen Land vergleichen und gar nicht erst versuchen, seine neue Umgebung der alten anzupassen. Das funktioniert definitiv nicht.
Viele Russen sind wieder nach Russland gezogen. Vielerseits enttäuscht von den Israelis. So hatte man sich den Westen und den Kapitalismus dann doch nicht vorgestellt. Oder war man einfach nur im falschen Land und nicht in den USA oder in Deutschland?
Jemand aus London, mit dem ich mal befreundet war, sagte mir:
„Wenn meine Mutter mich besuchen kommt und sieht, dass ich hier in so einer billigen Bruchbude wohne, trifft sie der Schlag!“
Nicht jeder Neueinwanderer landet in einer Top – Wohnung, sondern fängt erst einmal klein an. Das allein ist schon etwas, auf das man stolz sein kann. Was bringt mir das, wenn ich immer nur schaue, was mein Nachbar nebenan hat? Der hat die Wohnung gekauft und ich wohne zur Miete. Na und? Hat er halt Glück gehabt und ich freue mich für ihn. Und für mich, denn heutzutage muss man ja schon froh sein, überhaupt eine bezahlbare Wohnung zu haben. Wie viele Leute leben in Jerusalem auf der Straße oder in städtischen Obdachlosenheimen wie dem “Zephania Hotel”?
Kurz gesagt, es ist wie überall auf der Welt: Klein anfangen, sich einleben und mit dem zufrieden sein, was man hat.
Das hört sich vielleicht doof an, ist aber so.

Leserfrage: „Was kann ich als 60 – Jähriger Neueinwanderer in Israel überhaupt noch arbeiten?“

B“H
Die Antwort darauf fällt wieder einmal kurz und bündig aus: Nämlich, dass auch in Israel mit 40 Jahren auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr viel zu holen ist. Hightech – Leute werden mittlerweile schon mit 35 Jahren ausrangiert, wenn man nicht gerade ein absoluter „wer – weiß – was“ Superspezialist ist. Deswegen machen sich auch relativ viele Techies selbstständig und gründen ihr eigenes Startup.
Ein Bekannter von mir wanderte mit 52 Jahren von New York nach Israel aus und er ist ein Tech – Spezialist. In Israel jedoch fand er keinen Job und so machte auch er sich selbstständig. Er repariert Computer und hat ein riesiges Anglo – Klientel, weil er auch mit US – Technologie arbeitet. Er kennt sich super aus und das hat seinen Preis, den die Leute zahlen. Uns sie sind froh jemanden zu haben, der einer von „ihnen“ ist und kein Israeli, der sich mit US – Telefonprogrammen, Kreditkarten, etc. nicht auskennt, kaum Englisch kann und vermutlich noch abzockt.
Wer in einem fortgeschritteneren Alter Aliyah (wenn Juden nach Israel auswandern) macht, dem bleiben normalerweise entweder Mindestlohnjobs oder man macht sich selbstständig. Wer ein wenig handwerklich begabt ist, repariert elektrische Geräte, bietet Gartenarbeit an, putzt oder bietet sonstige Reparaturen am Haus bis hin zum Wändestreichen. Tapezieren ist in Israel fast gar nicht, denn man streicht einfach nur die Wände. Ohne Tapete und den ganzen Kram.
Und wie bietet man diese Jobs an?
Ganz einfach. Es werden Flyer aufgehängt oder halt im Internet auf Janglo.net angeboten.
Viele machen es nicht, doch sollte man sein Schiputznik (Reparatur) – Gewerbe anmelden. Man zahlt in Israel zwar einen Haufen Steuern, doch legal ist immer sicherer und es gibt keinen Ärger.
Die Flyer sollte man in Stadtteilen aufhängen, wo die Leute Geld haben und keineswegs in sozialen Brennpunkten. 🙂
Und wie aufhängen?
Tesafilm besorgen, Flyer ausdrucken (in hebräischer und englischer Sprache) und durch die Stadt ziehen. An Bushaltestellen und Zäunen / Strommasten ankleben.
Mit Festanstellungen schaut es schlecht aus, es sei denn, man wäre super super super qualifiziert. Ansonsten bleiben Security Firmen, die Neueinwanderer vorwiegend als „Taschendurchsucher“ einstellen. Vor öffentlichen Gebäuden oder Shopping Malls im Schichtdienst und mit Mindestlohn. Man kann im Security Gewerbe nicht schlecht verdienen, doch tun das nur jene jüngere Leute, die vielleicht nebenher studieren und bei der Armee in Eliteeinheiten dienten. So als „Bodek Bitachon – Taschendurchsucher“ bekommt man in der Regel eine Gaspistole. Richtige Waffen kann ein Neueinwanderer erst drei Jahre nach der Einwanderung beantragen. Und mit Gaspistole ist man dann eh nur auf Mindestlohn.
Gibt es irgendwelche Jobs, wo man die deutsche Sprache einsetzen kann?
Von Übersetzungen und dem ganzen Business rate ich ab, denn das wird mies bezahlt und ist viel zuviel Arbeit. Am Ende zahlt sich die Schufterei nicht aus und Ihr habt Eure Zeit verschwendet. Es gibt ein paar deutsche Firmenniederlassungen und in Ra’anana wohnen ein paar deutsche Neueinwanderer mit kleinen Firmen, die Leute für deutsche Korrespondenz suchen. Allerdings würde ich jedem Neueinwanderer raten, sich mit Israelis abzugeben und da zu arbeiten. So integriert man sich leichter, lernt die Sprache schneller und Israelis sind immer gut für Infos a la „Wie und was läuft und wie man etwas im Land bewerkstelligt“. Wenn ich eine Frage hatte und nicht wusste, wohin ich mich damit wenden sollte … ich kannte von Beginn an Israelis und die wussten die Antwort samt Adresse.
Nach der Einwanderung bekommt man einen Sprachkurs vom Staat gezahlt. Sechs Monate Sprachkurs und man kann es sich aussuchen, ob der abends oder morgens stattfinden soll. Das Einwanderungsministerium (Misrad HaKlita) gibt eine Liste mit anerkannten Sprachkursen aus und da muss man sich dann selbst vorstellen. Heißt, die Kurse abklappern und sich einen aussuchen. Nebenbei erhält der Neueinwanderer monatlich ein kleines Taschengeld. Leben kann man davon nicht und das Geld gibt es nur, wenn der Sprachschüler regelmäßig zum Unterricht erscheint. Ist das nicht der Fall, gibt es auch keine Kohle. Aber wie gesagt, leben kann man davon nicht und es handelt es um ein kleines Taschengeld von circa 1000 – 1200 Schekel (so um die 200 – 250 Euro).
Die Kurse sind recht gut und man wird halt mit anderen Einwanderern zusammengewürfelt. In den sechs Monaten wird eine Menge Grammatik wie Vergangenheit, das Passiv und Gegenwart gepaukt. Die Zukunftsform nicht, aber die kann sich jeder leicht selber beibringen.
Ich selber habe insgesamt drei Kurse besucht und es bis Kita Gimmel geschafft. Die ersten beiden Kurse hatte ich in den 80iger Jahren bzw. in den 90igern. Und beide habe ich komplett alleine gezahlt. Erst den dritten Kurs bekam ich nach der offiziellen Einwanderung vom Staat. Wobei ich sagen muss, dass ich die erste Stufe (Kita Aleph) besuchte, die zweite Stufe (Kita Beth) übersprang und nach Aleph direkt in die dritte Stufe (Kita Gimmel) ging. Im dritten Kurs nach der Einwanderung waren alle Teilnehmer des Hebräischen mächtig und wir lernten vorwiegend, wie man sich in Israel um einen Job bewirbt. Zumindest für die Leute aus Russland war das alles Neuland.
In Israel darf man sich nicht auf den Sozialstaat verlassen, sondern muss immer selber aktiv werden. Sich etwas einfallen lassen und flexibel sein. Eine Menge Dreck fressen können, aber das geht 95% der Neueinwanderer so. Die Wenigsten kommen mit ein paar Millionen Euro oder Dollar in der Tasche an. Trotzdem sollte der Neueinwanderer nie aufgeben und nicht so leicht das Handtuch werfen. Man weiß nie, was die Zukunft bringt und was sich ggf. für Möglichkeiten auftun.
Und wer als Handwerker gut ist, der wird weiterempfohlen und so lernt derjenige Leute kennen, die vielleicht die ein oder andere Chance auf etwas anderes ermöglichen.