Leben in Jerusalem

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Leserfrage: „Wie leben die Leute in Israel?“

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Tel Aviv – Photo: Miriam Woelke

B“H
Ich kann mir nicht erklären, was genau man sich im Ausland unter dem Alltag in Israel vorstellt. Israelis gehen ganz normal morgens zur Arbeit, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das ist nicht anders als, u.a., in Deutschland. Aufstehen, im Stau stehen oder sich über verspätete Bahnen und Busse aufregen. Oder, wenn in Jerusalem die Straßenbahn mal wieder einen technischen Defekt hat. Sich über Boss oder Arbeitskollegen aufregen, ablästern und auch Mobbing ist ein Thema.
Kinder und Jugendliche gehen in die Schule und ab 18 Jahren zur Armee. Darauf ist man stolz und bereitet sich eifrig vor, denn es sollte schon eine Eliteeinheit sein, was dann auch später berufliches Fortkommen garantiert. Oder zumindest fast garantiert, wenn man denn nicht unangenehm auffällt.
Der Alltag in Israel ist nicht viel anders als der in Deutschland, aber die hiesige Mentalität, die Prioritäten sowie die Denkweise ist eine komplett andere. Palästinenser, die in Israel leben und gleichzeitig auch Staatsbürger sind, verstehen das israelische Mindset besser als jeder Ausländer. Allein schon, weil man von klein auf mit Israelis arbeitet.
Gegenüber Israel scheint Deutschland geradezu rassistisch zu sein, denn gerade in Deutschland wird darauf gepocht, sich dem Land und den Gepflogenheiten anzupassen. In Israel hingegen regt sich niemand auf, wenn eine Muslima in Hijab zur Arbeit erscheint. Wenn sie so in der Bank arbeitet, in einem Supermarkt oder, wie ich neulich selber erfuhr, als Krankenschwester im Krankenhaus. Meinen letzten IV bei der Chemotherapie verpasste mir eine junge Palästinenserin mit Hijab und im Hintergrund dudelte dezent arabische Musik. Jeder kann seinen Glauben ausleben wie er will und niemand will die Palästinenser anpassen. Nur friedlich sollte man halt miteinander umgehen.
Bereits in den 90iger Jahren habe ich in Tel Aviv Touristen, darunter auch junge Deutsche, erlebt, die das Leben in Israel idealisierten und einfach bleiben wollten. Gesehen wurden sie irgendwann nicht mehr, denn man bleibt eben nicht so einfach mal hier. Die Gesetzeslage ist knallhart und spätestens seit Ende der 90iger Jahre, wo Spots gegen illegale Ausländer im Radio auf – und abliefen, verliess man lieber das Land. Eine illegale Finnin meinte zu mir, dass sie in Finnland ein normales Leben leben kann und nicht, wie in Israel, eingeschränkt ist. Seitdem war sie auch nie wieder hier, soweit mir bekannt.
Es gibt Ausländer, die kriegen das Leben in Israel über und packen irgendwann ihre Klamotten, weil sie in ihrem Heimatland zwar neu starten müssen, doch immerhin die Sprache sprechen und halt ein Staatsbürger sind und nicht dauernd der Dumme.
Auch die Palästinenser haben ihren ganz normalen Alltag und zumeist wird für israelische Unternehmen / Institutionen gearbeitet. Jeder im Land hat seinen Alltag und vorrangig muss das Geld für den Lebensunterhalt zusammenkommen. Israel ist, in jeder Hinsicht, ein teures Land, wo selbst Schulen Geld kosten. Nichts ist umsonst und Sozialleistungen halten sich extrem in Grenzen. Manchmal frage ich mich, wie die Leute davon überhaupt leben können.
Israel unterscheidet sich von Deutschland in der Hinsicht, dass Israelis mehr Eigeninitiative ergreifen müssen, denn der Staat ist viel weniger sozial. Man muss kämpfen und sich einsetzen und nicht einfach nur sitzen und warten, dass jemand kommt und hilft. Es wird niemand kommen und Israelis einschließlich Palästinenser sind auf das Leben hier gedrillt. Man weiß, was Sache ist und einem Neuankömmling ohne Ahnung und ausreichende Sprachkenntnisse fallen die herrschende Mentalität und Denkweisen schwer. Auch aus Deutschland stammende junge Juden, die in Israel an Programmen teilnehmen, hauen nicht selten schnell wieder ab.

Die Wertevorstellungen liegen in Israel etwas anders und es ist ein Land der Widersprüche. Nichts erscheint logisch, wenn ein Deutscher kommt und für alles eine logische Erklärung sucht, die er niemals finden wird. Allein das Innenministerium ist den Visum – Verlängerern ein Alptraum, dabei gibt es viel schlimmere Behörden, mit denen der Tourist aber keinen Kontakt hat.

Okay, als Tourist klingt alles super. Tel Aviv ist ja so tolerant und wer Feierabend hat, der geht sicher an den Strand. Alles super und easy und zur Not kann man ja kellnern. Vom Kellnern allein aber kann kaum jemand leben und die Arbeitsrechte sind tief unten im Keller.
Zwar ist Jerusalem in diesem Sommer voller Touristen, doch die bleiben nur ein paar Nächte und hauen dann nach Tel Aviv ab, wo Strand und Bars winken. Wenigstens fangen sie in der Straßenbahn nicht an, von CO2 oder dem Genderwahn zu labern. Sowas interessiert niemanden, denn unser Land hat andere Probleme. Unter anderem geht es ums Überleben.

10 Kommentare

  1. dgu sagt:

    Hallo Miriam,

    ich glaube, die Frager nach dem „Leben in Israel“ meinen genau das, was du am Ende deines Beitrages geschrieben hast, oder Berichte, wie z. B. zu dem Attentat in der Pizzeria letztens.

    Das ihr arbeiten müsst fürs Leben – ich glaube nicht – dass dies jemand bezweifelt, aber es ist interessant, die Unterschiede zu hören. Gerade für uns Touristen. Ich habe z. B. die letzten Wochen interessiert deine Berichte über das Gesundheitssystem im Zusammenhang mit deinen Behandlungen verfolgt, da es doch um einiges anders und schwieriger ist, als in Deutschland.

    Wir waren im Mai das zweite Mal in Israel, dieses mal nur in Jerusalem und haben alles sehr interessiert wahrgenommen, vor allem die doch so unterschiedlichen Straßenbilder in Bezug auf die Menschen. Leider ist in Deutschland so gut wie kein jüdisches Leben mehr zu sehen.

    Sicherlich ist bei einigen auch Verklärung dabei, aber wer verklärt nicht schon gerne mal das Urlaubsland und für uns Christen ist es ebenso das Heilige Land wie für euch Juden.

    Ich hoffe sehr, das du bald wieder gesund wirst und uns alle noch lange mit Informationen über das Leben in Israel versorgst. Gerade weil du alles auch von der „deutschen“ Seite her bewerten kannst. Du kennst halt beide Seiten.

    Viele Grüße
    dgu

    • Miriam Woelke sagt:

      B“H

      Von einer Freundin aus Deutschland musste ich mir die Tage anhoeren, dass das Gesundheitssystem im Deutschland auch nicht mehr so sei wie frueher und man vieles halt selber zahlen muss. Als ich dann betonte, dass in Israel die Kassen weniger uebernehmen als die in Deutschland, stiess ich auf taube Ohren. Dabei werden hierzulande gerade Medikamente aller Art fast immer vom Patienten gezahlt. Klar geben die Kassen in ihren hauseigenen Apotheken Rabatte, aber wer in Israel richtig krank wird. Auweia. Das kostet. Diabetiker, zum Beispiel.

      Ich habe noch Glueck, dass ich diverse Medikamente umsonst bekomme, aber das ist zeitlich begrenzt und auf die Krebserkrankung reduziert. Mein Hausarzt kann den Zeitraum bei Bedarf immer wieder erneuern, aber dann muss ich halt wieder bei ihm einen Termin vereinbaren etc. Alles ist mit Aufwand verbunden und man rennt halt von hier nach da.

      Die Touristen in Tel Aviv verklaeren bestimmt gerne die Stadt. 🙂 Strand, Sonne (jedenfalls im Sommer), Action. Als ich in Tel Aviv gewohnt und gearbeitet habe, war ich kaum am Strand. Feierabend, nach Hause, duschen und erstmal hinlegen. Das war dann irgendwie der Tag. Man arbeitet viele Stunden lang und bekommt am Ende ein bescheidenes Gehalt raus. Leider haben wir weder Lidl, Aldi noch Rewe.

      Israelis sind sehr damit beschaeftigt, Ihren Lebensunterhalt zu verdienen, um ueber die teuren Runden zu kommen. Jetzt am 1. September geht landesweit die Schule wieder los und da wollen die Kinder neue Rucksaecke fuer die Schule, Stifte, Hefte, Buecher und vor allem neue Klamotten. Irgendwie ist es hier Tradition, dass am ersten Schultag neue Klamotten samt Sneakers vorhanden sein sollten. Jedenfalls laut der Meinung der Schueler. Je teurer die Marke, desto besser. Und da wollen alle mithalten und wer halt nur von einem bescheidenen Einkommen lebt, der kann weniger mithalten.

      In Jerusalem gehen Schueler aus wohlhabenderem Hause eh nicht in die Schulen in jenen Stadtteilen, die als „aermer“ betrachtet werden. Wenn ich mir so die Schueler bei uns im Nachbarstadtteil Baka anschaue und mit denen in Kiryat Yovel oder teilweise Gilo vergleiche… Baka ist wohlhabend. Mittelstand mit Geld und so schauen dann auch die Schueler aus.

      Zu meiner deutschen Schulzeit haben wir am ersten Schultag nach den Ferien nur den neuen Stundenplan bekommen und sind dann gleich wieder heim. Ohne neue Klamotten und all die Action.

  2. Sebastian sagt:

    Hi Miriam. Hoffentlich läuft alles gut mit dem scan.
    Also mich erinnert Israel sehr an Spanien; logischerweise nur über die Beschreibungen in diesem Blog da ich noch nie in Isarel gewesen binn . Aber fast alles ist identisch nur mit dem unterschied das die Geschichte Israels viel interesanter ist als die spanische 🙂

    • Miriam Woelke sagt:

      B“H

      In gewisser Weise ist Israel vielleicht wie Spanien. Man ist nicht unbedingt puenktlich und so furchtbar genau. Nicht ganz „Manana, Manana …, aber halt doch flexibler bei der Zeiteinteilung. Wenn etwas um 20.00 Uhr beginnen soll, dann beginnt es nie vor 20.30 Uhr. So in der Art jedenfalls. 🙂

      Bezuglich des CT habe ich persoenlich kein so gutes Gefuehl, aber wer weiss … vielleicht gibt es ja eine positive Ueberraschung!

  3. Sebastian sagt:

    na ja…die Änlichkeiten sind villeicht im Gesundheitwesen, überteuerte Wohnungen, unfreundliche Behörden und das „jeder sich das leben suchen muss“ weil niemand dir was schenkt . In anderen Sachen ist Israel vollkommen überlegen gegenüber Spanien obwohl man immer das Gefühl hat das Israel im Nachteil ist.

    Erstmal abwarten was der CT von sich gibt, nicht den Mut verlieren Miriam.

    • Miriam Woelke sagt:

      B“H

      Unfreundliche Behoerden will ich nicht sagen. Seit meiner Aliyah vor 19 Jahren (insgesamt lebe ich 23 oder 24 Jahre im Land), habe ich keinerlei direkte negative Erfahrungen mit Behoerden gemacht. Vielleicht mag der Grund sein, dass ich mit den Angestellten normal kommuniziere, mich nicht aufrege und immer versuche, einen Kompromiss auf normaler Ebene zu finden. Ich bin niemand, der rumbruellt oder sonst irgendwie herumfaucht, sondern ich frage ganz normal an und irgendwie hatte ich stets Glueck mit den Angestellten.

      Im Juni bei der Bituach Leumi wegen der Arbeitsunfaehigkeit: Ich hatte alle meine Krankenkassen – bzw. Krankenhauspapiere dabei. Seit mehr als 20 Jahren zahle ich in die Bituach ein und ich habe immer gearbeitet. Von daher sieht man, dass ich nicht komme und irgendeine Abzocke starten will. Ich habe einen festen Job, den ich momentan nicht ausueben kann. Aber ich habe eine feste Arbeit und puenktlich meine Beitraege gezahlt. Und das ueber zwei Jahrzehnte. Klar, wird man da anders behandelt als jemand Neues im Land, der einfach so kommt. Und die Angestellte sah zudem im PC, dass ich in einem festen Arbeitsverhaeltnis stehe und nur aufgrund einer Krankheit zur Bituach komme. Ansonsten waere ich naemlich auf der Arbeit.

      Vor mir waren zwei Leute, die wollten unbedingt arbeitsunfaehig geschrieben werden und Geld kassieren. Aufgrund von haarstraeubenden erfundenen Krankheiten, die es offenbar gar nicht gibt. Und da wird man natuerlich sauer.

      Aber auch beim Finanzamt wurde ich freundlich und professionell bedient. Der Angestellte gab sogar noch Tipps, wie ich weniger zahle und fuellte den Antrag dementsprechend aus, so dass keine weiteren Betraege unter die Steuer fielen.

      Das Innenministerium zwecks Personalausweis ist ein wenig langsam, aber mittlerweile kann man das alles online machen.

      Voraussetzung beim Umgang mit den Behoerden ist, der Landessprache maechtig zu sein, um zu kommunizieren und die Vorgaenge zu verstehen. Nicht immer kann ein Angestellter super Englisch und ist dementsprechend in seiner Ausdrucksweise eingeschraenkt. Darueber hinaus sind Israelis der Ansicht, dass, z.B., ein Neueinwanderer einen Ulpan (Sprachkurs) gezahlt bekommt und der Landessprache etwas maechtig sein sollte.

      Ich kenne niemanden, der einen Behoerde als Feind sieht. Als ich zur Bituach Leumi musste, hatte ich die schlimmsten Befuerchtungen aufgrund von Geruechten und am Ende stellte sich alles als das Gegenteil heraus. Bei Arbeitslosen mag das anders sein, aber denen werden immer wieder Arbeiten aufgebrummt und wenn sie sich weigern, wird ihnen das eh schon geringe Geld gekuerzt.

      Mein Bluttest war alles andere als positiv und ich muss am Sonntag mit dem Onkologen reden, ob wir nicht erst einmal eine Chemo – Pause einlegen.

  4. Sebastian sagt:

    Als Feind sollte man nie das Land sehen wo man lebt 🙂
    Aber was mir so auffällt ist das normalerweise die Behörden, die ihren Job gesichert haben vom Staat der eh nie Pleite gehen kann, unfreundlicher sind als private Krankenkassen, wo jeder Mitarbeiter weis das es ums überleben geht und sie gefeuert werden können. Diese Freundlichkeit ist aber eh nur künstlich und nicht echt in den meiseten Fällen . Logischerweise gibt es gute Menschen, schlechte Menschen, freundliche Menschen , unfreundliche Menschen in jedem Land…und jeder versteht „gut“ und „böse“ anders.
    Was ich immer mache wenn ich eine unfreundliche Person/Behörde treffe ist sehr freundlich sein, super freundlich, und versuche das beste aus diesen unfreundlichen Menschen rauszuholen. Meistens klappt es…
    Aber wie du sagst besser nicht konfliktiv sein 🙂

    • Miriam Woelke sagt:

      B“H

      Dazu will ich aktuell noch einen Artikel schreiben, denn in Israel gibt es kein Beamtentum wie, u.a., in Deutschland. Von Spanien weiss ich das nicht.

      Kurz gesagt, in Israel kann ein JEDER zu jedem Zeitpunkt gekuendigt werden. Auch Behoerdenangestellte! Lehrer genauso wie Rathausangestellte etc.

      Aktuell entlaesst das Rathaus in Kiryat Gat (Suedisrael) mehrere Hundert (ich glaube 240 oder so) Angestellte aller Art. Die Stadt hat zu viele Schulden und muss Personal einsparen. Auch jetzt in den Sommerferien erhalten zahlreiche Lehrer / Uni – Referenten keine neuen Arbeitsvertraege mehr fuer das neue Schuljahr / Semester. Man steht auf der Strasse, wobei viele von denen Zeitarbeiter sind.

  5. Sebastian sagt:

    Interesant…gute Lösung Beamten entlassen zu können.

    Alles gute morgen !! Que todo vaya bien ( wenn Fehler sind sauer sein 🙂 ) שהכל מסתדר

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