Leben in Jerusalem

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Bei der Bituach Leumi (Nationalversicherung) & Wie ist das mit Medikamenten in Israel?

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B“H
Ich bin immer noch nicht dazu gekommen, all die Emails zu beantworten, die mich in letzter Zeit erreicht haben. Dafür war ich heute fast den ganzen Tag unterwegs, vor der anstehenden Chemotherapie am kommenden Sonntag sämtliche israelische Bürokratiehürden zu bewältigen. Um all das, was in Israel in sozialer Hinsicht komplett anders, zu beschreiben, braucht es einige Videos. 🙂
In einem meiner letzten Blogposts schrieb ich, u.a., dass Medikamente für Krebspatienten kostenlos seien, solange sie denn im „Sal Trufot“ des Gesundheitsministeriums aufgelistet sind. Heißt im Klartext, Medikamente aller Art, welche von der Regierung mitfinanziert werden. Heute wurde ich teilweise eines Besseren belehrt. Aber der Reihe nach.
Gleich morgens früh war ich bei der Bituach Leumi (Nationalversicherung), die für individuelle soziale Angelegenheiten zuständig ist. Kindergeld, Arbeitslosengeld, Mutterschaftsgeld, Rente und auch die sogenannte NECHUT – Arbeitsunfähigkeit, welche ich zur Zeit der Chemotherapie erhalte bzw. Anspruch darauf habe. Nicht nur während der Chemotherapie, sondern allen Krebsbehandlungen inklusive.
Um die NECHUT zugesprochen zu bekommen, bedarf es eines wahnsinnigen Papierkrieges mit allen Unterlagen vom Krankenhaus sowie der Krankenkasse. Geschenkt gibt es hierzulande nichts und ich hatte alle Dokumente dabei. Von der OP, der Urologie bis hin zur Onkologie. Die Bituach stellt zum Kopieren von Dokumenten kostenlos einen Photokopierer zur Verfügung.
Ich muss sagen, dass die Angestellten dort sehr nett waren. Überraschenderweise, denn man hört ja so einiges und ich war zuvor auch noch nie in der Abteilung, wo man einen Antrag auf Hilfe stellt. Bis jetzt durfte ich immer nur einzahlen. 🙂
Die Angestellte gab mir sogar noch einen extra Antrag und meinte, dass mir bei Chemotherapie mehr zustehe. Ich füllte alles aus, kopierte wie blöd und gab ihr alles umgehend zurück. Nun heißt es warten und oft ist es in medizinischen Belangen so, dass eine spezielles Komitee entscheidet und man ggf. dorthin zitiert wird. Bei mir ist das hoffentlich nicht der Fall, denn die Bituach Leumi wird sich mit Krankenhaus und Krankenkasse kurzschließen. Dazu musste ich eine extra Genehmigung geben, welches die ärztliche Schweigepflicht aufhebt. Somit hat die Bituach Leumi Zugriff auf alle meine Daten im Krankenhaus.
Eines muss ich sagen: Wer da Geld herausholen will und gar nicht wirklich krank ist, steht dumm da. Die kontrollieren von vorne bis hinten. Man muss sich sozusagen ausziehen und alles darlegen. An die Sozialtöpfe kommt hier keiner so schnell. Mittlerweile habe ich von der Bituach bereits eine SMS erhalten, dass noch Unterlagen fehlen. Was genau, will man mich noch wissen lassen.
Was ich jedem rate, der zur Bituach Leumi in Jerusalem muss: Bringt einen Kugelschreiber mit und sprecht Hebräisch. Alle Anträge, die ich ausfüllte, waren NUR in hebräischer Sprache. Ich hatte damit keinerlei Probleme, aber wenn jemand von Euch den Gang dorthin antritt, bereitet Euch vor. 🙂
Meine NECHUT wird auch nicht für immer genehmigt, sondern nur solange, wie ich akute Krebsbehandlungen durchlaufe. Sobald ich wieder arbeiten kann, ist die NECHUT futsch und bei Bedarf geht halt wieder alles von vorne los.
Nach der Bituach ging ich zur Apotheke meiner Krankenkasse, um all die Medikamente zu besorgen, welche mir der Onkologe verschrieben hatte. Aber das war nix, denn dort gab es noch keine offizielle Bestätigung zwecks Aushändigung. Man riet mir, doch hoch zu meinem Hausarzt zu gehen und mir von ihm eine Bestätigung ausstellen zu lassen. Und ich hatte mal Glück: Mein Hausarzt sollten oben im Hauptgebäude in einer Stunde seine Sprechstunde antreten und ich bekam einen dazwischengequetschten Termin. Nummer 2 auf der Liste!
Mein Hausarzt ist Palästinenser und bei der Krankenkasse angestellt. Das gesamte Gesundheitssystem funktioniert in Israel wesentlich anders als in Deutschland.
Jedenfalls war er geschockt als ich ihm von der Chemotherapie berichtete. Unterdessen hatte ich eine Mail von der Krankenkasse erhalten, die da besagte, dass mein Onkologe ihnen meine Medikamente mitgeteilt habe. Drei davon seien im Sal Trufot und genehmigt. Ein weiteres Medikament jedoch sei nicht enthalten und ich muss die anfallenden Kosten von fast 300 Schekel (circa 80 Euro) selber tragen. Hinzu kommen diverse prozentuale Selbstbeteiligungen an den anderen verschriebenen Medikamenten. Da führe kein Weg drumherum, meinte der Hausarzt und gab mir ein Formular für die Apotheke, in die ich morgen Nachmittag nochmals gehe.
Ich bin mir sicher, dass alles einfacher geht, aber da ich in dieser ganzen Situation komplett neu bin, muss ich mich erst einarbeiten oder wie man das nennen will. Ich lerne gerade erst das ganze System kennen, denn ich habe es zuvor noch nie in Anspruch genommen. Ich war weder krank noch brauchte ich staatliche Hilfen. Sowas kenne ich gar nicht.
In einigen Wochen und Monaten bin ich bestimmt Experte auf dem Gebiet des Gesundheitswesens und der staatlichen Hilfen für chronisch Kranke. Das zumindest macht dann vieles einfacher. Zurzeit aber stehe ich noch dumm da und lerne erst einmal. In der kommenden Woche werde ich ein paar Tage vielleicht ganz ausgeschaltet sein. So Zombie – mäßig auf Chemotherapie. Ich hoffe nicht, aber man weiß ja nie. 🙂
Nichtsdestotrotz muss ich da jetzt durch, denn am Sonntag steht der erste Chemo – Termin an. Die nächsten drei Tage werde ich noch ganz normal arbeiten. Vielleicht ein paar Stunden weniger, denn ich habe noch ein paar Dinge zu erledigen, wie den Zahnarzt um Rat zu fragen. Nicht, dass die Chemotherapie die Zähne angreift. Dann muss ich auch nochmals zur Apotheke in die Innenstadt und und und. Die Medikamente sind gegen Übergeben und ständige Müdigkeit während der Chemotherapie. Halt gegen die ganzen Nebenwirkungen.
In Deutschland habt Ihr das sicher alles bequemer. Mit Lohnfortzahlung und all dem. In Israel dagegen ist das wesentlich komplizierter und wer hier richtig krank wird, der rennt von Amt zu Amt und findet sich erst einmal in der Warteschleife wieder.

3 Kommentare

  1. Shlomo sagt:

    Von Amt zu Amt laufen und unzählige Formulare blieben mir bei meinem Muskelriss erspart.
    Aber gut zu wissen was einen erwarten könnte. Vielen Dank.

    Der Arzt zeigte mir in der Klinik persönlich, also ging mit mir mit, weil nicht einmal mein englisch in einem wirklich brauchbaren Zustand ist und schon hier engl.

    Wörter durcheinander brachte, da sie sich ähnlich anhörten. Ich programmiere zwangsläufig auf englisch, aber in 99% aller Fälle weiß ich nicht die Wörter/Sätze korrekt auszusprechen.
    Beispiel: Richtig spricht man die Rockgruppe so aus „Diep Pörpel“ aus, ich spreche es so aus „Deep Popel“, also deutsch.
    Im Hebräischen ähnlich, statt „Trumpeldoor“ spreche ich es englisch aus „Trampeldor“ und keiner versteht mich.
    Um mich korrekt verständlich zu machen, mixe ich erlerntes Ulpan-Iwrit mit englisch, erhalte dann aber meist die Frage „Also was nun, englisch oder Iwrit?“

    Egal, iwrit wird eh ständig besser.

    Die Medikamente, die mir nachts den Schlaf durch den Muskelriss sonst verhinderten, musste ich auch von meinem bischen selbst zahlen. Und wg immer noch fehlenden Job lebe ich immer noch von Ersparnissen, die langsam zur Neige gehen.
    Keine Ahnung wie es weiter geht.

    • Miriam Woelke sagt:

      B“H

      Also bei einem Muskelriss wird Dir ja der Hausarzt was verschreiben und damit kannst Du dann in die Apotheke Deiner Krankenkasse. Kostenlos ist das natuerlich nicht, denn eine bestimmte Summe musst Du beim Medikament selber zahlen.

      Kannst Du nicht zur Bituach gehen und Stuetze beantragen?
      Und bei Muskelriss mit Arbeitsunfaehigkeit bist Du doch eh berechtigt, Bituach zu erhalten.

      Mit Medikamenten hier im Land ist natuerlich „scheisse“, denn gemuetlich umsonst, wie in Deutschland, gibt es nichts. Ich bin mal gespannt, wieviel ich nachher in der Apotheke zahle. Mindestens 350 Schekel (circa 85 Euro). Wenn nicht mehr.

      • Miriam Woelke sagt:

        B“H

        In der Krankenkassen – Apotheke habe ich vorhin fast 700 Schekel (circa 170 Euro) fuer die Medikamente gezahlt, Es kann sein, dass ich das Geld zurueckerstattet bekomme, denn offenbar hat das Krankenhaus der Krankenkasse zuwenig mitgeteilt. Bezueglich der Medikamente.

        Am Sonntag werde ich mit der Onkologie reden, damit sie per Email bei der Krankenkasse intervenieren. Die Angestellten in der Apotheke meinte, in meinem Zustand vor der Chemotherapie muesste ich alles einfach umsonst kriegen.

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