Leben in Jerusalem

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Die bestimmten Momente, in denen der Auswanderer aufgeben will

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B“H
Im Jerusalemer Stadtteil Old Katamon kenne ich eine Frau, die mit ihren vier kleinen Kindern vor genau fünf Monaten Aliyah machte. Von Australien ist sie nach Israel eingewandert, weil sie einen Neuanfang suchte, nachdem ihr Mann bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. Als ich ihr sagte, dass es in Israel nicht leicht ist und dass die Aliyah (Einwanderung von Juden) nervig und bürokratisch sein kann, meinte sie, dass ihr das nichts ausmache, denn sie habe in der letzten Zeit Schlimmeres mitgemacht.
Soweit so gut, doch als ich sie vor ein paar Tagen wiedertraf meinte sie, dass es hier in Israel ja wirklich nicht leicht sei. Ständig renne sie von Amt zu Amt und ihr ältester Sohn soll jetzt nach den Sommerferien endlich die Schule beginnen. Und allein das sei eine Plage, denn damit er in die Schule kann, muss die Mutter durch die Ämter rennen. Und dass, obwohl sie religiöse Juden sind. Normalerweise nehmen israelische Schulen nur Juden auf. Palästinenser haben ihre eigenen Schulen und Christen gehen auf christliche Schulen. Klar existieren gemischte Schulen, doch die sind nicht unbedingt die Regel. Und so wird geprüft und nochmals geprüft.
Schnell wurde der Australierin klar, dass Israel chaotisch sein kann. Und das nicht nur für Neueinwanderer, sondern auch für jene, die schon Zehn oder Zwanzig Jahre oder ihr ganzes Leben hier wohnen. Jeder Neueinwanderer kennt diese bestimmten Tage, wenn alles schiefgeht und man bereit ist, aufzugeben und in das Land, aus dem man kam, zurückkehren will. JEDER Neueinwanderer kennt solche Momente, wenn einen alles ankotzt und man nur noch genervt und frustriert ist.
In Israel kann man nie gewinnen und es gibt immer Tage, an denen alles schiefgeht. Das Gefühl aufzugeben und wieder abzuhauen, verliert sich mit der Zeit, doch die chaotischen Tage bleiben ein Leben lang. 🙂
Meistens hängt alles mit Behörden zusammen oder die Mentalität mancher Leute geht einem auf den Sack. Ich lebe seit etwas mehr als Zwanzig Jahren im Land und bis heute erhalte ich irgendwelche Behördenbriefe, die sich am Ende als hinfällig erweisen. Im letzten Jahr schrieb mir meine Krankenkasse, dass ich Geld schulde. Sofort rief ich dort an und man meinte, der Brief sei ein Fehler gewesen und für jemand anderen bestimmt gewesen. „Sorry, schmeiß den Wisch halt in den Müll!“
Dann schickt mir die Nationalversicherung Bituach Leumi in regelmäßigen Abständen eine SMS. Dabei zahlt mein Arbeitgeber alle Beiträge und ich habe damit nichts zu tun. Jedesmal, wie erst gestern wieder, laufe ich zum Verwaltungsgebäude der Bituach, durchlaufe den gesamten Security Check und bin nach zwei Minuten beim Angestellten wieder draußen. Die Security dauert länger als alles andere. Die Angestellte meinte, die letzte SMS sei ebenfalls eine Fehlermeldung gewesen. Ich schulde gar nichts und mein Arbeitgeber zahle. Dann druckte sie mir eine angebliche „Geheimnummer“ aus, die ich anrufen kann, falls ich wieder eine derartige SMS erhalte. Dann bräuchte ich nicht alle paar Monate zur Bituach zu laufen. Nur stellte sich diese „Geheimnummer“ als Hotline heraus, die ich eh schon angerufen hatte und wo niemand jemals den Telefonhörer abnimmt. Also werde ich in ein paar Monaten wieder hingehen müssen, sobald wieder eine SMS eintrifft.
Kurz gesagt, man verschwendet viel Zeit damit, Behördenkram hinterherzulaufen, der sich letztendlich als Behördenfehler entpuppt. „Ja, sorry, ignoriere halt die SMS“, sagte mir die Angestellte gestern. Aber wenn ich das tue, kriege ich bald eine weitere SMS mit irgendwelchen Strafandrohungen. 🙂
Die Australierin bekam einen 100 Schekel (circa 30 Euro) Strafzettel an ihr Auto geklebt, weil sie kein Anwohnerschild hinter der Autoscheibe hatte. Nur Anwohner dürfen in der HaPalmach Street parken und da sie an einer Ecke zweier Straßen wohnt, doch nur die eine Straße im Personalausweis vermerkt ist und sie aber in der zweiten Straße parkte, wird sie gezwungen, die Strafe zu zahlen. Sie könne Widerspruch einlegen, doch dass dauere und am Ende müsse sie eh zahlen.
Jeder Staatsbürger (egal, ob Jude oder Palästinenser) kann gegen alles und jeden Widerspruch einlegen, aber am Ende bleibt man als Otto Normalverbraucher doch meistens hilflos auf der Strecke. Für Neueinwanderer ist das umso härter, da man solch Vorgehensweise aus der westlichen Welt nicht gewohnt ist. In Deutschland, zum Beispiel, traf nie etwas Unerwartetes bei mir ein und falls einem Amt einmal ein Fehler unterlief, so trat der nach einer Korrektur nie wieder auf. In Israel jedoch heißt es dagegen: „Okay, nichts passiert. Du kannst wieder gehen!“
Bis zum nächsten Mal dann …
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