Leben in Jerusalem

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Leserfrage: „Kann eine Auswanderung am Heimweh scheitern?“

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B“H
Kann eine Auswanderung, egal, in welches Land, am Heimweh scheitern?
Ja, absolut!
Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich im Herbst 1987 zum ersten Mal nach Israel kam und einen wahren Kulturschock erlitt. Dieser Schock begann bereits am damaligen Alten Busbahnhof von Tel Aviv. Heute vermisse ich dieses Chaos von damals, womit ich mich auf den versifften Busbahnhof beziehe. Aber immerhin kosteten die Stadtbusse zu der Zeit nur 70 Agorot (ca. 20 Cent). Und zum Telefonieren mussten man erst Assimonim (Telefonmünzen) kaufen. Telefonkarten gab es noch nicht und Handys waren Zukunftsmusik.
Auch das Internet war noch weit weg und wer sich zu der Zeit über Deutschland informieren wollte, der musste eine teure Ausgabe einer deutschen Zeitung kaufen. Selbst auf die BILD haben wir uns damals gestürzt. Heute dagegen reicht ein Klick im Internet und man weiß alles. Von Youtube erst gar nicht zu reden. Ich dagegen schleppte in den Achtzigern einen Weltempfänger mit mir rum und hörte ab und zu Deutsche Welle.
Vielleicht war es das fehlende Internet, was vor Dreißig Jahren das Heimweh stärker aufkommen liess. Wer jedoch mehrere Jahre aus Deutschland weg ist, dem erscheint das Land, mit oder ohne Internet, immer fremder.
Bei einer Auswanderung kommt alles auf die innere Einstellung des Auswanderers an. Zieht, z.B. ein Deutscher nach Mallorca, so sehe ich das nicht als Auswanderung, sondern eher als Umzug innerhalb Europas. Es gibt auf Mallorca offenbar einen Lidl, alle deutschen TV Sender, deutsche Kneipen und und und. Außerdem besitzt derjenige einen EU – Paß und muss keinerlei Aufenthaltsgenehmigungen einholen.
Wenn Leute mit einem zu deutschen Mindset auswandern und dementsprechend ihre Erwartungen nicht erfüllt sehen, kann dies schnell zum Heimweh führen. Deutsches Essen, die deutsche Mentalität oder Sprache werden vermisst. Insbesondere auch Freunde und Verwandte.
Vor einer Auswanderung muss sich immer erst mit dem neuen Heimatland auseinandergesetzt werden. Vom Erlernen der Sprache bis hin zum neuen Arbeitsplatz. Erwartungen sollten heruntergeschraubt werden, denn es wird garantiert nicht alles wie in Deutschland sein. Die Wohnung ist ggf. spartanischer, der Job weniger gut bezahlt. Wenn man denn nicht zuerst in einer weniger beliebten Position arbeiten muss.
In der Vergangenheit dieses Blogs, den ich mittlerweile schon mehr als zehn Jahre unterhalte, kam es immer wieder vor, dass mir Kommentatoren aus Deutschland schrieben: „Der Ton macht die Musik!“
Eine typisch deutsche Aussage, wie ich finde.
Ich habe mir dann immer vorgestellt, wie denn Israelis reagieren täten, käme ich mit dem Zitat: „Der Ton macht die Musik!“ daher. Wer sich in Israel auskennt, der lacht jetzt los.
Okay, bei vielen Gelegenheiten verhält man sich sachlich. Andererseits sollte sich jeder beim Gang auf israelische Ämter oder bei andere Institutionen, darauf einrichten, angeraunzt zu werden. Einfach so. Was übrigens nicht immer negativ gemeint ist, aber die Leute sind hierzulande nicht gerade zimperlich im Umgang.
Und wenn dann jemand kommt und meint, der Ton mache die Musik, dann ist erst recht was los. Mit derlei Sprüchen und Erwartungen kommt man in Israel nicht weit. In anderen Ländern vermutlich ebenso wenig.
Das beste Mittel gegen Heimweh ist, sich in der neuen Heimat Freunde und einen Job zu suchen. Ein Zuhause aufzubauen. Egal, wie klein und minimal dieses am Anfang auch sein mag. Bescheiden beginnen und nicht zuviel erwarten. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die jeweilige Landessprache. Wer die nicht lernt, wird sich niemals so richtig zuhause fühlen.
Und noch etwas zu den Heimkehrern: Wer ein paar Jahre oder gar Jahrzehnte im Ausland lebte und dann wieder in Deutschland aus dem Flugzeug steigt, braucht längere Zeit, um sich wieder einzuleben. Und dann kommen die Momente, in denen man Heimweh nach dem Land hat, in dem man gerade alles aufgab. So manch einer ist dann hin und hergerissen. Auch das kenne ich aus meiner Vergangenheit.
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