Leben in Jerusalem

Startseite » Behinderte in Israel » Die Misere des sozialen Wohnungsbau in Israel

Die Misere des sozialen Wohnungsbau in Israel

Validation content="ca3b12cf8d29815feeb7b8e18de25f4b"
B“H
Eine israelische TV Reportage zum sozialen Wohnungsbau im Land. Nur in hebräischer Sprache, doch die Aussage ist für alle Betrachter eindeutig:

 

In den 50iger Jahren wurde der soziale Wohnungsbau in Israel massiv vorangetrieben. Schon allein wegen der hohen Einwanderungswelle von Juden aus Nordafrika. Wie ich mehrmals berichtete, deportierten muslimisch – regierte Länder wie Marokko, Tunesien oder Libyen die seit Jahrhunderten im Land ansässigen Juden nach der offiziellen Gründung des Staates Israel (1948). Nicht nur nordafrikanische Länder handelten so. Die gesamte arabische Welt wie auch der Irak oder Syrien wollten die Juden sofort loswerden und es setzte eine Masseneinwanderung nach Israel ein.
Um all die Neuankömmlinge in Israel aufzufangen, wurden zuerst Zeltdörfer errichtet. Lange Jahre lebten selbst Kibbutzniks in Zelten. Absolut nicht zu vergleichen mit den heutigen Neueinwanderern, obwohl einige davon sicherlich froh wären, ein Zelt zu haben. Nicht immer bringt der heutige Staat die Neuankömmlinge unter und sehr schnell landet man auf der Straße, wie auch die Reportage zeigt.
In den 50igern wurden all die Sozialwohnungen jedoch nicht unbedingt in Ballungegebieten wie Tel Aviv oder Haifa errichtet, sondern in der Peripherie. In der Pampa sozusagen. Dort, wo es kaum Jobs gab und gibt. Obwohl, bis vor ein paar Jahren herrschte an Orten wie Dimona die Textilindustrie und es waren massig Arbeitsplätze vorhanden. Doch schon in den 90igern Jahren kam der Abstieg, denn die Jobs wurden lieber ins billigere Ausland wie Jordanien, Portugal oder die Türkei verlegt. Israelische Textilhersteller wie Kitan liessen vorzugsweise ihre Handtücher im Ausland produzieren und der Textilzweig in der Peripherie starb. Heute herrscht in Tiberias, Kiryat Gat, Kiryat Malachi, Dimona, Arad, etc. die Arbeitslosigkeit und junge Leute drängt es nach Tel Aviv.
In der Peripherie finden wir bis heute die höchste Anzahl von Sozialwohnungen und wer eine sucht, der muss in Jerusalem oder Tel Aviv mindestens zehn Jahre warten. Was er bis dahin macht und ob er auf der Straße lebt, interessiert keine Sau.
Was die Reportage ebenso wenig anspricht ist die Tatsache, dass Suchtkranke stets vorgezogen werden und sofort eine Sozialwohnung erhalten. Es ist also durchaus von Vorteil, Junkie oder Alkoholiker zu sein. 🙂
Wer den Prozess des Warteverfahrens verkürzen will, der läßt sich nicht in Ballungsgebieten auf die Warteliste setzen, sondern erklärt sich bereit, in die Pampa umzuziehen. Dort allerdings dreht sich die soziale Abstiegsspirale weiter, denn es sind keine Jobs vorhanden und die Mehrzahl der Bewohner leben seit Jahren von der Stütze. Die Aussicht auf Besserung tendiert gegen Null.
Wie in der Reportage angesprochen wird, baut die Regierung keinerlei neue Sozialwohnungen. Es werden Bewohner aus dem Jerusalemer Sozialgebiet Gonen / Katamonim gezeigt. Gleich neben der Luxusgegend um die Malcha Mall finden wir auf der anderen Straßenseite das soziale Elend. Neueinwanderer aus Russland oder Äthiopien genauso wie Junkies. Die Schimon bar Yochai Street sollte man nach Einbruch der Dunkelheit meiden.
Auf der einen Seite der Malcha Mall der pure Luxus und das Wohngebiet der Reichen. Auf der anderen Seite, gleich hinter dem Teddy Fussballstadion, die Armut der Stadt. Erst neulich hörte ich, dass die dortigen Sozialwohnungen saniert und ggf. teurer vermietet werden. Oder gar ganz privatisiert werden. Jedenfalls werde ich weiter zum Thema berichten, sobald ich Neues höre.
Katamonim ist nicht das einzige Gebiet mit Sozialwohnungen. In Kiryat Yovel, der Stern Street, finden wir dasselbe Schauspiel und auch hier ist bei Dunkelheit nicht mehr sicher Kirschenessen.
Was die Reportage sehr gut auflistet, sind die Kriterien für den Anspruch auf eine Sozialwohnung. Ich jedenfalls erfülle diese nicht und bleibe mein Leben lang anspruchslos, es sei denn, ich werde zu 100 % schwerbehindert und sitze im Rollstuhl. Selbst bei einer Behinderung von 100 % ist der Anspruch nicht sicher, denn solange jemand auf seinen Beinen steht, erfüllt auch er die Kriterien nicht. Wenn, dann muss der Rollstuhl her.
Ein weiteres Kriterium: Eine alleinerziehende Mutter mit mindestens vier minderjährigen Kindern. Hat die Alleinerziehende nur zwei oder drei Kinder, besteht keinerlei Anspruch und sie kann auf der Straße leben.
Was wir in der Reportage ebenso sehen: Eine ältere Frau, die im Treppenhaus ihres ehemaligen Wohnhauses lebt. Mit Sack und Pack und verköstigt von ihren Nachbarn. Der Vermieter hatte sie vor die Tür gesetzt als die Miete aufblieb. Die Frau hat keinen Anspruch auf eine Sozialwohnung und so steht sie auf der Straße.
Wer als Mieter seine Miete nicht zahlt, wird gnadenlos geräumt. Von heute auf morgen. Hier wird gesetzlich nicht lange rumgezickt wie in Deutschland. Keine Miete = Raus ! Die Polizei kommt und das Schloss wird ausgewechselt.
Mit das Schlimmste in der Reportage ist, dass Wohnungsbauminister Uri Ariel (Bayit Yehudi) immer noch meint, dass ein Israeli locker von 1000 Schekel (ca. 300 Euro) im Monat leben kann. Dabei kostet die Miete für eine kleine Bleibe bereits 2500 – 3000 Schekel. Ganz zu schweigen von den Neben – Lebenshaltungskosten. Egal, welche Regierung, ob links oder rechts, die Politiker haben sich längst zu weit vom Volk entfernt und leben in ihrer eigene reichen Welt. Wer nicht arbeiten kann oder auf der Straße steht, hat selber schuld. Für die Bürger gilt: Bloß nicht krank und alles verlieren.
Dennoch kann man, wie in der Reportage angesprochen, das kleine Israel nicht mit dem sozialen Wohnungsbau in Holland oder England vergleichen. Das sind absolute Gegensätze. Vor allem mit Wohnungsbauminister Uri Ariel, der sich lediglich um Siedler in Samaria und Judäa kümmern will. Und hier ausschliesslich um narionalreligiöse Siedler. Säkulere und Ultra – Orthodoxe sind für ihn nur Abschaum.
Advertisements
%d Bloggern gefällt das: