Leben in Jerusalem

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Das Ende des Schuhimperium von Leo Katzenberger: „Freimann & Bein schliesst Schuhladen in Jerusalem“

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Photo: Miriam Woelke

 

Jaffa Road in Downtown Jerusalem: Gleich rechts hinter der Haltestelle befand dich der Schuhladen Freimann & Bein.

 

B“H
Erinnert sich noch jemand an das Buch (in Deutschland auch verfilmt) „Der Jude und das Mädchen“ von Christiane Kohl ? Ich habe das Buch bei mir auf dem Regal stehen. Frau Kohls historische Beschreibungen sind gut, nur mit den ab und an auftauchenden Bemerkungen zur jüdischen Religion hapert es.
In dem Buch geht es um den Nürnberger Juden Leo Katzenberger. Vorsitzender der Gemeinde und Besitzer zahlreicher, in ganz Deutschland vertreuter, Schuhläden. Als die Nazis die Macht ergriffen, wurde Katzenberger sofort von den Mietern seines Hauses gemobbt und bei der Gestapo denunziert. Er habe ein Verhältnis mit einer jungen Mieterin in seinem Haus. Einer Arierin.
Am Ende wurde Leo Katzenberger ein Schauprozess wegen Rassenschande gemacht und nicht allzu lange danach wurde er in München hingerichtet. Viele seiner unmittelbaren Verwandten wurden deportiert und kamen in Konzentrationslagern ums Leben. Seine beiden Töchter hingegen wanderten rechtzeitig nach Palästina aus. Ein Schwiegersohn eröffnete in Jerusalem ein Schuhgeschäft. Markenschuhe der etwas teureren Klassen, jedoch kein Luxus.
Das Geschäft FREIMANN & BEIN besteht seit den Dreissiger Jahren und ich weiss nicht, wie viele Male ich daran vorbeiging. Die Lage in der Jaffa Road ist gut und bis heute werden Markenschuhe angeboten, die nicht gerade billig sind.
Ich war ein einziges Mal in dem kleinen Laden, wo die Verkäuferinnen noch dunkelgrüne Kittel trugen. Richtig deutsch und a la Hausfrau. Wo steht heute noch jemand mit Kittel in einem Schuhgeschäft ?
Im Laden erkundigte mich nach den vor ein paar Jahren neu in Mode gekommenen Crocs. Freimann & Bein waren mit die Einzigen, welche Crocs führten, denn die heutigen zwei Crocs Niederlassungen (Canyion Hadar und der Mamilla Mall) gab es noch nicht.
Ich wusste, dass die Crocs so um die 200 Schekel kosten würden, doch bei Freimann & Bein wurden 240 Schekel verlangt. Viel zu teuer und in Tel Aviv bekam ich die Crocs letztendlich für 200 Schekel. Seitdem habe ich den Laden nie wieder betreten, denn die Preise waren einfach viel zu hoch. Marken ? Okay, aber gleich soviel Geld abzocken ?
Dennoch gehörten Freimann & Bein irgendwie zum Innenstadtbild. Ich weiss noch als ca. 2002 sich ein palästinensischer Terrorist unmittelbar vor dem Geschäft in die Luft sprengte oder ein anderer Terrorist gegenüber mit einem Gewehr um sich ballerte.
Vor einer Woche ging ich wieder einmal am Schuhladen vorbei und irgendwie sah dort alles komisch aus. Anders halt, aber ich ging nicht hin, um nachzuschauen. Warum auch, wenn Freimann & Bein zum Stadtbild gehört.
Jetzt las ich in der aktuellen Ausgabe des Lokalblattes YEDIYOT YERUSHALAYIM, dass ich mit meiner heimlichen Vermutung doch richtig lag: Freimann & Bein gibt es nicht mehr ! Die Nachfolger des Leo Katzenberger waren gezwungen, dass Schuhgeschäft aufzugeben. Es rentierte sich nicht mehr und die Besitzer mussten immer mehr Privatgelder hineinpumpen. Zuerst das Bombenattentat, dann der ewig lange Bau der Straßenbahn und jetzt all die Billigläden, die zwar Schuhe ohne Qualität und Beratung anbieten, aber mit den Niedrigpreisen die Kundschaft wegnehmen.
Mit Freimann & Bein macht wieder einmal eine alte Jerusalemer Institution dicht und mir tut es besonders leid, denn ich komme aus Nürnberg. Immer wenn ich am Laden vorbeiging, war das auch ein Stück Nürnberg.
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2 Kommentare

  1. Paul sagt:

    Liebe Miriam,
    es tut mir leid, aber Menschen wie Du sind schuld, dass der Laden zu macht. Schließen musste.
    >Mit Freimann & Bein macht wieder einmal eine alte Jerusalemer Institution dicht und mir tut es besonders leid, denn ich komme aus Nürnberg. Immer wenn ich am Laden vorbeiging, war das auch ein Stück Nürnberg.<

    Denn, mit Menschen, die an dem Laden vorbei gehen, ist kein Gewinn zu machen.

    Natürlich kann man auch sagen, dass das unternehmerische Konzept dieses Geschäftes nicht den Kundenwünschen entsprach. Es ist die freie Entscheidung jedes Unternehmers, entweder sein Geschäft den neuen Bedingungen anzupassen oder den Laden zu schließen.
    Nostalgie ist da keine tragende Geschäftsidee.
    Da der Inhaber den Markt kennt, hat er beschlossen zu schließen. Hätten Du und andere dort gekauft, würde es den Laden noch geben.

    Herzlich, Paul

  2. Miriam Woelke sagt:

    B“H

    @ Paul

    Da gebe ich Dir zu 100 % Recht. Wir alle sind schuld, weil wir nicht bei Freimann & Bein einkauften, sondern diverse Billigvarianten bevorzugten.

    Zu mir muss ich sagen, dass ich ein absoluter Crocs Freak bin und weit mehr als die Haelfte meiner Schuhsammlung aus Crocs besteht. In allen moeglichen Variationen. 🙂

    Und meine Crocs kaufe ich in den zwei mir bekannten Jerusalemer Crocs Niederlassungen, weil ich dort eine Mitgliedskarte habe und Rabatte erhalte.

    Obwohl Freimann & Bein nach dem Anschlag vor der eigenen Haustuer gruendlich renovierten und den Laden moderner machten, irgendwie hat man es versaeumt, junge Leute anzulocken. Immer standen nur Gesundheitsschuhe im Schuafenster, die man sich bei, aehm, aelteren Frauen vorstellt. Mit juengerer Mode war nicht viel und gerade in Jerusalem ist es wichtig, junge Kundschaft zu gewinnen, denn aeltere Leute sind irgendwann nicht mehr da. Das erleben wir in Jerusalem nicht nur bei alteingesessenen Laeden, sondern selbst bei relig. Institutionen.

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