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Israel: „Armutsbericht 2014“

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B“H
In der vergangenen Woche veröffentlichte die israelische Nationalversicherung Bituach Leumi ihren frisch erstellten Armutsbericht 2014. Jetzt zog die Organisation Latet nach, deren Zahlen zweimal so hoch liegen wie die von der Bituach. Die wahre Anzahl der Armen in Israel werde, so Latet, ignoriert und lieber verschwiegen.
Ich kenne keine genauen Zahlen und will sie auch gar nicht wissen. Es reicht mir, was ich in den Straßen von Tel Aviv oder Jerusalem sehe. Von richtigen armen Gegenden wie dem Norden oder Süden des Landes ganz zu schweigen.
Bei all den steigenden Mieten frage ich mich, wie sich die Leute überhaupt noch Wohnungen leisten können und nicht bereits 50 % auf der Straße leben. In Deutschland geht es Euch vermutlich genauso, dafür aber sind die Leute in der Lage, billig Lebensmittel zu kaufen. In Israel kosten Lebensmittel wie stinknormale Milch oder selbst Mineralwasser mindestens dreimal soviel wie in Deutschland.
Nun könnte man ja sagen, und viele Politiker, die absolut fern von jeglicher Realität leben, tun dies, dass die Leute halt mehr arbeiten sollen. Haredim (ultra – orthodoxe Juden), Araber, egal wer, alle ran an die Arbeit. Die Frage ist nur WO DENN ? Es ist keine ausreichende Arbeit vorhanden und da ist es egal, welche super Ausbildung jemand hat. Keine Jobs und woher also nehmen, wenn nicht von der Stütze ?
In der Peripherie wie Kiryat Shemona, Kiryat Gat oder Dimona gab es einst blühende Unternehmen wie die Textilindustrie. Die aber machten fast alle dicht, weil in Jordanien oder der Türkei billiger produziert wird. Folglich verlagerten israelische Textilunternehmen ihre Produktion dorthin und Israelis verloren ihre Jobs. Dasselbe mit der Armee. Heutzutage werden Uniformen und Stiefel im Ausland produziert und nicht mehr in Israel, weil angeblich die Löhne zu hoch sind. Dabei arbeiteten die Leute jahrzehntelang für einen Mindestlohn, ohne zu klagen. Man war froh und stolz dazu, überhaupt Arbeit zu haben. Nun aber gingen in Kiryat Shemona und Dimona weitgehend die Lichter aus und andere Jobs existieren nicht. Es sei denn, man zieht weg. Aber wie bezahlen und warum alles aufgeben ?
Egal welche Regierung. Ob links oder rechts. Alle Politiker meinen stets, man solle mehr arbeiten und Leute, die von der Bituach ihr Geld beziehen, hocken nur faul daheim. In der Tat gibt es nicht wenige Leute, die sich tatsächlich auf eine Leben lang Stütze eingestellt haben und keine Lust verspüren, daran etwas zu ändern. Andere wiederum suchen Arbeit und wenn sie welche finden, so entweder nur halbtags oder zum Mindestlohntarif. Von Letzterem kann man sich kaum mehr eine normale Wohnung leisten, geschweige denn überhaupt mal ins Kino zu gehen oder Klamotten zu kaufen.
Was man sieht ist Leute, die im Müll nach, was auch immer, suchen. Dutzende Männer ziehen mit Einkaufswägen, die sie von Supermärkten haben mitgehen lassen, durch die Straßen um Leergut oder Altmetall zu suchen. Altmetall bringt eine ganze Menge Geld ein, nur muss man halt seine Connections haben.
Einst galt der Jerusalemer Machane Yehudah Markt als die billigste Obst – und Gemüsequelle, doch das hat sich total verändert. Allein der Preis für ein Kilo Tomaten stieg so drastisch an, dass selbst Tomaten zum Luxusgut wurden. Wer heutzutage billig Obst und Gemüse einkaufen will, der gehe zu Osher Ad oder Rami Levi. Der Machane Yehudah ist zu teuer geworden. Ständig wird er von Touristengruppen bevölkert, die da nichts einkaufen. Dafür breiten sich Pubs, Pasta oder Cafes rasant aus. Wer will da noch einkaufen, wenn so allmählich alles auf Luxus und Tourismus getrimmt wird ?
Wer sich in der Obdachlosigkeit befindet, dem geht es wettermäßig in Tel Aviv besser als in Jerusalem. Allein am Strand zu nächtigen empfiehlt sich jedoch nur dann, wenn man mindestens zu zweit ist. Es treiben sich eine Menge Perverse und andere zwielichtige Gestalten herum und man muss aufpassen.
Jerusalem hat zwar einen kalten Winter, aber dafür agiert eine hohe Anzahl von Suppenküchen. In Tel Aviv hingegen sind die Suppenküchen spärlich gesät. Dort, wo Haredim (ultra – orthodoxe Juden) leben, bestehen unendlich viele Hilfsorganisationen. Nicht selten aber muss man seinen Bedürftigkeitsschein von der Bituach Leumi vorlegen, denn es gab zuvor viele Probleme mit Leuten, die sich einfach einschleichen wollten, um unberechtigt soziale Dienste in Anspruch zu nehmen.
Aber selbst wer noch eine Wohnung hat: Gesundes Essen steht da weniger auf dem Speiseplan. Dafür Kartoffeln und Cottage (Hüttenkäse). Das Brot ist billig und wabbelig, also von der Großbäckerei Angel und nicht von Teller. Rentner trifft es besonders hart, denn die staatliche Rente reicht so gut wie nie aus. Private Renteneinzahlungen sind oftmals nicht viel besser, denn allein die jährlichen Gebühren fressen schon einiges an Geld wieder weg. Was meine Freunde und ich machen ? Geld auf speziellen Bankkonten einrichten. Eine Summe einzahlen und unterschreiben, dass man das Geld von einem bis zu drei Jahren nicht anrührt. Hierauf gibt es dann verhältnismäßig hohe Zinsen. Ich bin eh von Beruf aus geizig und falls ich mal wegfahre, steige ich in Hostels ab und nicht im Hotel. Cafemässig gehe ich zur Billigkette Cofix oder Cofizz oder halt zu Cafe Aroma. Am besten jedoch ist der hauseigene Kaffee aus meiner Kaffeemaschine. 🙂
Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Israelis sich im Teufelskreis OVERDRAFT befinden. Man zahlt mit Kreditkarte auf Abzahlung. Selbst an der Kasse im Supermarkt. Und wie soll man eine Wohnung finden, wenn man Alleinverdiener mit Mindestlohn ist ? Da kommt noch nicht einmal die Kaution zusammen. Mehr und mehr Familien gehen besonders an den Feiertagen zu öffentlichen Feiertagsessen. Allein daheim kann sich das kaum mehr einer leisten. Oder jetzt an Chanukkah mit Geschenken für die Kinder. Ein bisschen Schokolade anstatt Smartphone.
Die Armut in Israel kann jeden betreffen. Unabhängig von Beruf oder Wohnort. Ein Akademikerberuf ist heutzutage keine Garantie mehr für Brot und Wohlstand. Andererseits sind viele Leute mit dem zufrieden, was sie haben und gieren nicht nach mehr oder jammern. Man ist gesund und hat ein Dach über dem Kopf.
Ein Zuhause zu haben ist ein Grundbedürfnis des Menschen, aber wer weiss, wie lange wir darauf noch ein Recht haben. In Israel jetzt schon nicht mehr, denn zahlreiche Wohnungssuchende pennen bei Freunden. Mal hier und dann mal dort. Wenn nichts da ist, dann eben draußen in einem Hauseingang. Thema Nummer Eins im Land ist die Sicherheit und Soziales wird gewöhnlich verschoben. Wenn Raketen aus Gaza fliegen, bleibt der Obdachlose in der Ben Yehudah Street auf der Strecke.
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4 Kommentare

  1. Das ist es was die ‚Freunde‘ Israels entsetzen sollte. Nicht Israels Weigerung ein vorbildlich Tugenschaf zu sein. G. Rainer Manfred Koch

  2. Miriam Woelke sagt:

    B“H

    Nirgendwo auf der Welt geht es tugendhaft zu und in Israel leben, genauso wie anderswo, Menschen. Jede Politik verfolgt ihre Interessen, aber das aendert nichts an der Tatsache, dass Israel mit gewaltigen Sicherheitsgefahren konfrontiert ist.

  3. Wenn man seine Nachbarn ständig zur Weißglut treibt, dann wird die eigene Sicherheit eben teuert. Dafür ist man ja der Überlgnede.

  4. Miriam Woelke sagt:

    B“H

    Der Kommentar faellt unter die Kategorie „Keine Ahnung, aber seinen unwissenden Senf dazugeben“.

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